Zeitung Heute : E-Mail aus dem Ärmel

SUSANNE PREUSS

Computer erobern mit rasender Geschwindigkeit die Haushalte und dringen in alle Lebensbereiche vor.Jeder fünfte Bundesbürger über 14 Jahre nutzt das Internet.Für viele ist das schon so selbstverständlich geworden, daß sie immer und überall bereit wären, E-Mails zu empfangen, ihren Kontostand bei der Hausbank abzurufen oder auf der Homepage eines Fernsehsenders den aktuellen Bundesligabericht zu verfolgen - zum Beispiel während sie im Biergarten die Frühlingssonne genießen.Nokia & Co.arbeiten zwar mit Hochdruck daran, das Handy für Internet-Dienste einsatzfähig zu machen.Doch im Prinzip beschränken sich diese Anwendungen auf das Empfangen von Daten, es sei denn, man schleppt ein Laptop mit sich herum - einige Kilo schwer.Solch Mühsal ist vielleicht bald nicht mehr nötig: Die notwendige Tastatur kann in die Kleidung eingearbeitet sein.

Schon im Juli präsentieren Absolventinnen der Stuttgarter Modeschule eine Kollektion sportlicher Anzüge mit integriertem Internetzugang.Die Tastatur, kaum größer als ein Briefumschlag, wird in die Ärmel eingenäht.Der Stoff wird mit den Buchstaben und Sonderzeichen - allen voran natürlich der für E-Mail-Botschaften notwendige Klammeraffe "@" - bedruckt."Das wirkt sehr plakativ, passend zu der sportlichen Silhouette", erläutert Modedesigner Robert Herzog, der als Entwurfslehrer die Schülerinnen bei ihren Abschlußarbeiten betreut.

Wenn bei den Modeschauen in Stuttgart die Models ihre weiten Nylon-Anzüge mit überschnittenen Schultern präsentieren, zu frechen Beatrhythmen den Laufsteg entlang schlendern und ganz cool auf ihrer Ärmel-Tastatur eine Nachricht tippen, dann könnte der Funke auf die anwesenden Industrievertreter überspringen, hofft Horst Spanyar.Der 59jährige Informatiker hatte die Idee, Kleidung mit elektronischen Funktionen zu versehen und hatte sich daher an die Modeschule gewandt, wo die Idee aufgegriffen wurde.Der Traum von Spanyar wäre es, eine Show wie in Stuttgart im großen Stil auf der nächsten CeBit in Hannover realisieren zu können - natürlich in Zusammenarbeit mit der Modeindustrie und Handyherstellern.

Abwegig ist dieser Traum nicht - was die Idee von der computerbestückten Kleidung angeht, so hat Spanyar prominente Vorreiter.Studenten des renommierten MIT (Massachusetts Institute of Technology) haben bereits vor einigen Jahren mit Modestudenten aus Mailand, Paris, Tokio und New York "kluge Kleidung" kreiert.Als Protagonist gilt der ehemalige MIT-Student Steve Mann, der in seine Brille einen winzigen Monitor integriert hat, auf dem er seine E-Mails lesen kann.Das Interesse an solchen Entwicklungen ist offenbar gewaltig.Als Ende 1997 das MIT ein Symposium zum Thema "wearable computers" veranstaltete, drückten nicht nur die Vertreter von Microsoft, IBM und der Deutschen Telekom die Bänke, sondern ebenso Vertreter von Kleidungsfirmen wie Levi Strauss, Nike oder The Gap.Die technischen Schwierigkeiten indes sind noch immens.Erstens gilt es, alles so klein und leicht wie möglich zu machen.Zweitens muß der Wust von Kabeln verschwinden."Kein Problem", sagt Horst Spanyar.Die zur Datenübertragung erforderlichen Kabel werden in eine Art Manschette eingearbeitet, die einfach wie ein Ärmelaufschlag umgeklappt wird.Der Rest ist gängige Technik: Das Handy wird ständig weiterentwickelt und kann heute schon als kleiner Bildschirm dienen, die flexible Tastatur ist als Folientastatur ein Massenartikel bei computergesteuerten Maschinen.

Wird es also in fünf Jahren ganz normal sein, daß Manager ihren Computer im Sakko-Ärmel eingenäht haben und von dort schon mal den Champagner per E-Mail ordern, wenn sich eine Verhandlung ihrem erfolgreichen Ende nähert? Modedesigner Robert Herzog kann sich das kaum vorstellen: "Ja, die Sportswear-Label lieben es plakativ.Aber wer will schon seinen edlen Cashmere-Zwirn mit dem Aufdruck einer Tastatur verunzieren?".Im Busineß-Bereich müßte die Tastatur wohl dezenter, vielleicht im Inneren des Sakkos angebracht sein, meint Herzog.Solche Einwände nimmt Spanyar ganz locker.Er sieht seinen Prototypen als Diskussionsvorschlag - ob später die Kids in der Disco oder die Manager die E-Kleidung tragen, ist ihm egal.Abgesehen davon, ist er bereits einen Schritt weiter: Nicht einmal einer Folie bedürfe es, um die dünnen Tasten zu einer Tastatur zusammenzuhalten.Ein Netz genüge auch, und schon lassen sich neue Anwendungsmöglichkeiten denken.Natürlich hofft der 59jährige Informatiker auf satte Lizenzeinnahmen für seine Erfindung.Auf alle Fälle trägt er ein Stückchen zu der Entwicklung bei, die MIT-Professor Alex Pentland prophezeit: "Tragbare Digitalmode wird die vierte Revolution der Computer einläuten."

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar