Zeitung Heute : E-Mail für dich

Um 9 Uhr betritt Stephen sein Klassenzimmer – per Einloggen. In Kanada ist Home-Learning am Computer üblich. Es gibt zahllose Lernangebote

Paul Janositz

Es ist ein weites Land. Auf einer Fläche, annähernd so groß wie ganz Europa, leben nur etwas mehr als 32 Millionen Menschen. Über 80 Prozent siedeln in einem 300 Kilometer breiten Streifen im Süden, wo die Millionenstädte Toronto, Montreal oder Vancouver liegen. Der Rest verliert sich in Dörfern oder einzelnen Häusern, die in Wäldern oder Prärien oft viele Meilen auseinander liegen. Das zweitgrößte Land der Welt braucht dringend qualifizierte Arbeitskräfte. In der westlichen Provinz Alberta boomt die Ölindustrie. Bildung wird groß geschrieben, doch die geografische Situation erfordert Kreativität.

Home-Learning hat in dem dünn besiedelten Land Tradition. Kinder dürfen auf Antrag zu Hause unterrichtet werden. Die Eltern müssen aufpassen, dass die Lernziele eingehalten werden. Dabei werden sie von Lehrern unterstützt, die bei Problemen Sprechstunden anbieten oder Hausbesuche machen. „Kanada spielt eine führende Rolle in der internationalen E-Learning-Industrie“, sagte Botschafter Paul Dubois in Berlin anlässlich der „Online-Educa 2005“, der weltweit größten E-Learning-Messe. Bei dieser Gelegenheit unterstrich auch John Whatley, akademischer Direktor des „Zentrums für Online- und Fernlernen“ an der Simon Fraser Universität in Vancouver die Vorreiterrolle Kanadas.

Der 15-jährige Stephen Gamble aus Calgary lernt zu Hause. Bis neun Uhr morgens muss er sein virtuelles Klassenzimmer betreten haben. Dazu meldet sich der Neuntklässler per E-Mail beim Lehrer an und liest die aktuellen Schulnachrichten. Dann startet das tägliche Lernpensum. Stephen möchte später die 12. Klasse der High School mit guten Noten abschließen und dann ein Collegestudium absolvieren. Ohne E-Learning könnte er das nicht schaffen. Stephen ist auf Fernunterricht angewiesen, denn er ist krank. Täglicher Kontakt mit anderen Schülern ist ihm nicht erlaubt.

In die obligatorischen Fächer Englisch, Mathematik, Naturwissenschaften und Sozialkunde muss sich Stephen täglich einloggen. Um das volle Programm für den High School-Abschluss zu absolvieren, beteiligt er sich auch an Fächern wie Gesundheitslehre, körperlicher Erziehung oder Computeranwendung. Stephen arbeitet das online gelieferte Unterrichtsmaterial durch. Aufgaben werden erledigt, Protokolle geschrieben, eigene Ideen eingebracht, Tests absolviert.

Beim Lernen ist der Online-Schüler keineswegs allein. „Wir sind 16 in der Klasse“, sagt er. Oft ist Gruppenarbeit angesetzt. Für Internet-Konferenzen sind feste Zeiten vorgesehen. Im virtuellen Klassenzimmer können die Schüler per Mikrofon miteinander sprechen. Per E-Mail nimmt Stephen zu seinen Mitschülern Kontakt auf und diskutiert in Internetforen. Die Lehrer kontrollieren die Ergebnisse, erkennen Stärken und Schwächen, regen gezieltes Lernen an. Am Ende des Schuljahres müssen die Prüfungen abgelegt werden. Es läuft gut bei Stephen. Seine Noten hätten sich um 30 Prozent verbessert, sagt er bei einem Treffen von Schülern, Eltern und Lehrern, wie es regelmäßig in Calgarys „Ernest Manning High School“ stattfindet. Der schmächtige Junge träumt davon, später beim Rettungsdienst arbeiten zu können.

Seine Mutter, Lorelei Gamble, glaubt an ihn und das „Online Junior & Senior High School“-Programm. Dazu gehören auch Exkursionen, Praktika und Berufsberatung. Organisiert wird es vom „Calgary Board of Education“, einem gewählten Rat von Bürgern, der sich für Schule und Bildungssystem einsetzt. In Kanada sind Bildung und Kultur, ähnlich wie in Deutschland, föderal organisiert. Schulen und Universitäten sind somit Sache der zehn Provinzen und drei Territorien.

Doch hier ist der Wohnort Nebensache. Der Internet-Anschluss ist der Schlüssel zur Bildung. Online stehen spezielle Lern-Angebote bereit. Auf eigenen Webseiten wird der Lehrstoff didaktisch aufbereitet angeboten. Speziell entwickelte Software hilft bei der Einrichtung virtueller Klassenräume.

Der Umgang mit Computern wird gezielt gefördert. Informations- und Kommunikationstechnologie sind so zum Rückgrat der kanadischen Bildungsoffensive geworden. Per Breitband werden Videokonferenzen in die entlegenen Schulen übertragen. Bereits 16 500 Schulen und 3500 Bibliotheken sind ans Internet angeschlossen. Dafür sorgte „SchoolNet“, ein von der Industrie, den Provinzregierungen, Bildungseinrichtungen und privaten Sponsoren ins Leben gerufenes Projekt, das auch die Entwicklung von Lern-Software fördert.

Die Regierung investierte in den letzten drei Jahren mehr als 100 Millionen kanadische Dollar (70 Millionen Euro) in die Digitalisierung kultureller und archäologischer Schätze. Auch das Fernsehen ist eingebunden, mit speziellen Programmen oder eigenen Kanälen, wie es etwa bei TV Ontario in Toronto der Fall ist. Das Netzwerk „CA Net4“ verbindet Universitäten, Schulen, Hospitäler, Museen oder Regierungsstellen miteinander. „Auf die Webseite mit rund 700 Programmen können auch Nutzer außerhalb Kanadas zugreifen“, sagt Frédéric Nolin, SchoolNet-Manager in Montreal. Das Netz mit einer Übertragungsgeschwindigkeit von 10 Gigabyte pro Sekunde bietet auch Weiterbildungsprogramme für das in Kanada stark propagierte „lebenslange Lernen“ an.

Eine Studie der „Economist Intelligence Unit“ über den weltweiten Einsatz von E-Learning-Strategien gibt Kanada gute Noten. Als besonders erfolgreich gelten auch Schweden und Nordamerika. Deutschland liegt mit seinem 17. Rang zwar im oberen Mittelfeld, kommt allerdings nach Ländern wie Österreich, Frankreich, den Niederlanden, Dänemark und der Schweiz.

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