Zeitung Heute : E-Mail-Terror: Böse Post von Scherzkeksen

Stefan Genrich

Skandalfilm aus Hollywood: Demnächst kommt ein neuer US-Streifen in die Kinos, in dem Jesus Christus als Schwuler dargestellt wird - jedenfalls behauptet das eine E-Mail, die viele Internet-Nutzer in diesen Tagen von Freunden erhalten. Die Absender haben den Text ebenfalls von Bekannten bekommen, doch die ursprüngliche Quelle liegt im Dunkeln.

Die anonymen Autoren fordern die Empfänger auf, sich ihrem Protest gegen den Homo-Jesus anzuschließen und den Aufruf an aufgeschlossene Leute zu schicken. Wenn das die Leser der elektronischen Kettenbriefe machen, verrichten sie allerdings kein frommes Werk, sondern fallen auf einen Hoax herein: eine E-Mail, die Fehlinformationen als wichtige Fakten ausgibt und zu ihrer Weiterverbreitung aufruft.

Eine ähnliche Petition gegen den angeblichen "Gay Jesus"-Film gelangte per Schneckenpost bereits 1984 in US-amerikanische Haushalte. Mit der Hilfe von E-Mail taucht die Aktion in verschiedenen Variationen seit zehn Jahren immer wieder auf. Aktuell läuft eine neue Welle durch das Internet. Die meistens auf Englisch geschriebenen Behauptungen sind glaubwürdiger geworden, weil sie auf ein reales Theaterstück mit ähnlichem Konzept verweisen, das seit einigen Wochen in Deutschland für Aufregung sorgt. Ein Film über einen schwulen Messias existiert jedoch nicht mal im Planungsstadium. Solche Art von Lügenpost kursiert seit 1988 im Netz der Netze, als die Mutter aller Hoaxes - die "2400 Baud Modem Virus"-Warnung - eine besonders üble Infektion von Computern beschrieb.

Solche bis heute weit verbreiteten Schock-Mails weisen die Leser auf irgendwelche bösartigen Programme hin, die unkontrollierbar Daten ausspionieren oder Festplatten löschen sollen. Daran ist dann nichts wahr. Keine Firma und kein ernst zu nehmender Experte informiert über unangenehme EDV-Schädlinge mit Hilfe eines Kettenbriefes. Selbst wenn Hoaxes keine ernste Konsequenz für private Empfänger haben, sind sie kein harmloser Spaß; "in größeren Unternehmen können sie einen deutlich messbaren Schaden anrichten," sagt der Berliner Sicherheitsberater Frank Ziemann. Er weist darauf hin, dass sich viele Mitarbeiter einer mit Lügen-Mails überhäuften Firma mindestens ein oder zwei Minuten mit den Fehlinformationen beschäftigen. Wenn sie dann noch die Texte an Kollegen verschicken, lösen sie eine Lawine an Aktivitäten aus. Auch komme es vor, dass kenntnisarme Angestellte die üble Scherzpost als bereits einfallenden Virus fehlinterpretieren und unkontrolliert mit dem Ausschalten ihres Computers reagieren.

Dass selbst kritische Menschen nicht vor einer Hoax-Attacke geschützt sind, zeigt ein Vorfall aus jüngster Zeit: Da freuen sich vor allem Journalisten, dass die Firma Ericsson ihnen per Kettenbrief kostenlos die aktuellen Spitzenmodelle ihrer Handys anzubieten scheint. Die Mitteilung soll das schwedische Hauptquartier des Unternehmens als Ursprung haben. Die Begründung für die Großzügigkeit wirkt sinnvoll: Da Hauptkonkurrent Nokia "free mobile phones" im Rahmen einer Internet-Marketingkampagne verteile, wolle Ericsson das Angebot übertreffen und gleich die neusten Top-Geräte ausgewählten Kreisen zur Verfügung stellen. Wenn der Empfänger die E-Mail an acht Partner weiterschicke und eine Kopie an Ericsson-Mitarbeiterin Anna Swelund sende, erhalte er als Dank ein "Ericsson T18". Für 20 Empfehlungen gebe es sogar "the brand new Ericsson R320 WAP-phone". Pech ist nur, dass Anna Swelund gar nicht existiert und die ganze Aktion ein Schwindel ist. Infolge des Hoax wird Ericsson mit e-Mails zugeschüttet. Deshalb kündigt der Handy-Hersteller rechtliche Schritte auf seiner Website an. Pressesprecher Jens Kürten ist jedoch klar, dass die Drohung keine Wirkung hat: "Wir wissen einfach nicht, wie wir der Personen im Hintergrund habhaft werden können".

An Nokia als mögliche Quelle denkt Kürten nicht einen Augenblick, zumal diese Firma mit dem gleichen Problem kämpft. Der Hoax schädige den Ruf beider Unternehmen, weil einige wütende Nutzer die e-Mails leider als großspurige Werbung einordneten. Außerdem habe Ericssons Mail-Server durch die Last der Hoax-Kopien und damit verbundenen Anfragen ein bis zwei Tage lang nur mit stundenlangen Verzögerungen funktioniert, beschreibt der Pressesprecher die Auswirkungen.

Welche seltsamen Hoaxes über diese Vorfälle hinaus im Web umherschwirren, hat ein amerikanisches Internet-Angebot aufgelistet: "Vmyths. com - Truth About Computer Virus & Hoaxes". Besonders systematisch hat Frank Ziemann auf seinen Seiten die sich tarnenden Ungeheuer behandelt: Er unterscheidet zwischen falschen Virus-Warnungen, E-Mails mit kriminellen Absichten, sinnlosen Petitionen, Pyramidensystemen, Geldversprechungen sowie Glücks- und Tränendrüsenbriefen. Die letzteren nutzen die Hilfsbereitschaft ihrer Mitbürger aus, indem sie die Solidarität für sterbenskranke Kinder einfordern und die Überweisung von Geld oder die massenhafte Versendung der E-Mails verlangen. Eine Ausnahme von den Betrügereien hat bislang nur ein Exemplar solcher Aufrufe gebildet, als mit deren Hilfe ein Knochenmarkspender gesucht wurde. Mittlerweile ist die Angelegenheit erledigt, doch die Kettenbriefe der Aktion geistern als Hoaxes weiter durch das Internet.

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