Zeitung Heute : E-Mobilität fängt im Kopf des Nutzers an

Was bewegt die Menschen, auf einen Elektroflitzer umzusteigen – und was nicht.

Katharina Jung
In Bewegung. Jeder Mensch nutzt verschiedene Verkehrsmittel aus verschiedenen Gründen. Ohne sie zu kennen, dürfte die „Mobilitäts-Revolution“ schwierig werden. Abb.: IVP
In Bewegung. Jeder Mensch nutzt verschiedene Verkehrsmittel aus verschiedenen Gründen. Ohne sie zu kennen, dürfte die...

Der Wandel zu mehr Elektromobilität ist politisch gewollt. Aber wie kann er gelingen? Müssen dazu endlich komfortable Elektroflitzer mit großer Reichweite auf den Markt kommen oder ist eher eine Analyse vonnöten, welche Wünsche und Zwänge die potentiellen Mobilitätsteilnehmer überhaupt haben? Die Position von Christine Ahrend ist eindeutig: „Elektromobilität bedeutet viel mehr, als Batterietechnik und Ladezeiten“, sagt die Professorin für Integrierte Verkehrsplanung an der TU Berlin. „Ein Mobilitätsangebot, das Elektroverkehr beinhaltet, ist nur sinnvoll, wenn es das Entscheidungsverhalten der Nutzer berücksichtigt.“

Der motorisierte Individualverkehr wird nur dann zurückgehen, wenn die Nutzer freiwillig auf Elektromobilität umsteigen. „Was aber sind die Anforderungen der Nutzer, unter welchen Bedingungen wären sie bereit, vertraute Mobilitätsroutinen aufzugeben“, fragt Christine Ahrend. Das ist das Thema, das sie und ihr Team gemeinsam bearbeiten – aus den unterschiedlichsten Perspektiven. Welche Überlegungen, welche Vorteile, welche Privilegien oder welche Mobilitätsroutinen bewegen Menschen, Elektroautos zu kaufen? Oder gerade nicht?

Um das aufzuklären, betreiben die Forscher teilstandardisierte Feldstudien, in denen 80 Menschen genau danach intensiv befragt werden: Wie viele und welche Beweggründe es überhaupt gibt. Aus den Ergebnissen werden „Entscheidungspakete“ erstellt, zwischen denen Probanden dann in einer weiteren Analyse wählen können. „Ein spezielles empirisches Verfahren ermöglicht es uns schließlich auszuwerten, welche Beweggründe die wichtigsten sind“, erläutert Ahrend.

Kleine und mittelständische Firmen stehen im Fokus einer anderen Forschungsrichtung. In einem Vorgängerprojekt haben Ahrend und ihre Kollegen festgestellt, dass diese Unternehmen gerne Elektrofahrzeuge nutzen wollen, aber die Umstellung der Wegelogistik zu kompliziert ist. Konkretes Beispiel: Für einen Pflegedienst bedeutet es Aufwand und Kosten, die Fahrtrouten der Pfleger neu zu durchdenken, um Ladezeiten einzubauen. „Wir analysieren mit unseren Partnern gemeinsam die Probleme und erstellen zum Beispiel ein Anforderungsprofil für eine geeignete Logistik-Software, oder demonstrieren auch geeignete multimodale Mobilitätskonzepte“, sagt die TU-Wissenschaftlerin.

Dienstleister auf das Thema Elektromobilität vorzubereiten, ist ein weiterer Ansatz. „Zusammen mit einer Fahrschule versuchen wir, Fahrlehrer zu Mobilitätslehrern ,umzuschulen’“, erläutert Ahrend. „Das heißt, wir machen sie mit der zukünftig zu erwartenden Angebotspalette der Elektromobilität, vom ÖPNV über Pedelecs bis zum Car-Sharing, vertraut. Ziel ist es, dieses Wissen dann an die Fahrschüler weiterzugeben.“

Katharina Jung

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