Earcandling : Ganz Ohr

Ohrkerzen versprechen Entspannung durch sanfte Vibrationswellen – ein Selbstversuch.

Dem Ohr geht ein Licht auf. Beim Earcandling soll das Trommelfell sanft „massiert“ werden. Die Wärme und die Aromen des Rauchs sollen wohltuend wirken.
Dem Ohr geht ein Licht auf. Beim Earcandling soll das Trommelfell sanft „massiert“ werden. Die Wärme und die Aromen des Rauchs...Foto: Imago/Imagebroker

Zuerst rauscht es leise, wenig später bereits deutlich lauter. Ein Knistern kommt hinzu, ein Puffen, dann ein Quietschen. Unruhig schiele ich zu meinem linken Ohr hinauf, über dem in – hoffentlich – sicherer Entfernung ein stattliches Flämmchen lodert. Ein wenig Asche segelt an meiner Nase vorbei und landet auf dem Sofakissen. Kokeln da etwa die Haare an? „Nee, alles klar hier oben“, beruhigt die Freundin, die mit sicherem Griff das in Bienenwachs getränkte Baumwollröhrchen festhält, das in meinem Ohr steckt – und mit ziemlicher Geschwindigkeit herunterbrennt.

„Abschalten, entspannen, auftanken“: Das verspricht eine Behandlung mit Ohrkerzen, im Englischen Earcandling genannt. Dabei soll es sich um ein Ritual der nordamerikanischen Hopi-Indianer handeln, weshalb die mit Aromen versetzten Wachsröhrchen auch Hopi-Kerzen heißen. Ob die Hopi oder andere indigene Völker allerdings jemals Ohrkerzen benutzt haben, ist umstritten – ebenso wie die Wirksamkeit dieses naturheilkundlichen „Wohlfühl-Rituals“. Allenfalls, heißt es dazu von Medizinern, könne man sich dabei empfindlich verbrennen.

Kinder ins Bett, Mann vor den Computer, sanfte Musik an

Ich will’s selber wissen. Und schaffe mir – wie vom Hersteller Biosun auf dem Beipackzettel empfohlen – zunächst mal eine „entspannte Atmosphäre“. Kinder ins Bett, Mann vor den Computer, eine warme Decke auf die Couch und sanfte Musik in den CD-Player. Damit man nicht selbst über das Feuer wachen muss, sollte ein Helfer engagiert werden. Am besten jemand, der der ganzen Sache offen gegenübersteht, und nicht milde lächelnd fragt, ob wir anschließend bei Vollmond unsere Vornamen tanzen.

Deshalb spielt mein Mann jetzt nebenan „World of Warcraft“ und meine Freundin hält mir im wahrsten Sinne des Wortes die Stange. Ich schließe die Augen und versuche abzuschalten. Im Ohr wird es wohlig warm und der Rauch, der beim Abbrennen der Kerze entsteht, duftet angenehm nach Honig und Kräutern.

Nur das Knistern und Rauschen – das eigentlich Teil der Entspannung sein soll – macht mich immer noch nervös. Sitzt das Röhrchen auch richtig? Nur wenn es seitlich dicht auf dem Gehörgang liegt, entstehe, so Biosun, „ein leichter Unterdruck und die durch die Bewegung der Flamme hervorgerufenen Vibrationswellen der Luft in der Kerze wirken wie eine sanfte, befreiende Trommelfellmassage“.

Zufall oder Tiefenentspannung?

Als die zweite abgebrannte Ohrkerze zischend im bereitgestellten Wasserglas landet, fühle ich mich durchaus befreit. Aber auch unschlüssig. Im Wohnzimmer riecht es ein wenig nach Weihnachten. Jetzt sollte man eigentlich mindestens eine Viertelstunde ruhen, um die volle Wirkung der Behandlung auszukosten. Auf zehn Minuten bringe ich es immerhin, dann quäkt ein Kind.

Doch anschließend schlafe ich bestens bis zum nächsten Morgen. Zufall oder Tiefenentspannung Marke Earcandling? Um das herauszukriegen, müsste man wohl noch mal die Ohren hinhalten. Mit mehr Ruhe und ohne die Angst, dass was anbrennt.

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