Zeitung Heute : Ebbelwoi und Erdbeermilch

Helmut Böttiger

LITERARISCHES LEBEN

Helmut Böttiger schreibt

an dieser Stelle einmal

im Monat über alles,

was Leben und Literatur

verbindet.

Nächste Woche:

Andrea Fischer über Krimis.

Frankfurt ist ja nun wirklich keine literaturfähige Stadt. Deswegen ist es ein Wunder, was ein Schriftsteller wie Peter Kurzeck seit Jahrzehnten treibt. Dass Kurzeck nun den „Preis der Literaturhäuser“ bekommt, ist überfällig: An jedem einzelnen deutschen Literaturhaus muss jetzt ein anderer Laudator Kurzeck dafür loben, was er da getan hat. Frankfurt, das ist der schnell hingestellte, aber unzerstörbar scheinende Beton der fünfziger Jahre, das Ausnutzen jeder kleinsten Fläche, das Bauen auf engstem Raum. Durch engste Schneisen drängen sich die Fahrzeuge, an allen Ecken und Enden muss es quillen. Die Fußgängerwege sind so nah an die Hauswände gedrückt, dass über ihnen immer die Ausdünstungen der Mülltonnen liegen. Graue Fassade, Mülltonne, Bürgersteig, Reifenquietschen: Das ist die Schichtung Frankfurts.

Und dann kommt einer daher und lässt Straßennamen fallen wie „Jordanstraße“ oder „Eppsteiner Straße“, als ob dies der berühmten Madeleine von Proust gleichkäme, dem unwillkürlichen Moment der Erinnerung. Kurzeck sagt „Bockenheim“ und „Konstablerwache“, und ein ungeheurer Raum tut sich dabei auf, ein Raum aus Zeit und Sinnlichkeit und Literatur, Kurzeck sagt sogar „Zeil“. Und er denkt dabei an deren hinteren Teil, wo er Beobachtungen unter Trinkern, Eckenstehern und zufällig Vorbeikommenden macht, die in ihrerGenauigkeit gar kein Realismus mehr sind, sondern eher eine Art Hyperrealismus.

Magie der Endlosschleife

Kurzecks Beobachtungskunst geschieht auf vielen Ebenen. Er kann vergrößern und verlangsamen, er kann aber auch beschleunigen und verkleinern. Er kann die Zeit verkehrt herum laufen lassen. Er kann die Abfolge von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft in einer Weise durchlöchern, dass sie ganz selbstverständlich wie Vergangenheit, Vorvergangenheit und Vorvorvergangenheit erscheinen kann und dabei völlig zeitlos, ein einziger großer Punkt. Wir ahnen schon: Frankfurt spielt dabei im Grunde keine Rolle. Frankfurt ist irgendwie Staffage und immer dabei, aber es muss da noch etwas ganz Anderes geben. Bei Peter Kurzeck geht es um das Leben an sich. Aber wie er das macht, bleibt sein Geheimnis. Es fing schon an, als er im Jahre 1979 im nicht nur rein literarischen Verlag „Roter Stern“ sein erstes Buch veröffentlichte. Es trug den Titel: „Der Nussbaum gegenüber vom Laden in dem du dein Brot kaufst“, und da war schon alles enthalten: der Duktus der Reihung, das Auffächern in Nebensätzen, die magische Endlosschleife.

Wenn man einmal Peter Kurzeck gehört hat, wie er seine Texte liest, sind sie auch beim Lesen unweigerlich so im Ohr: „Lang nach Mitternacht. Die Zeil eine funkelnde Einöde. Wo einmal Frankfurt war und jetzt wie hingezaubert nur noch diese sprachlosen Häuserblocks und die glatten Fassaden.“ Das ist der konstatierende, nachhorchende, nachfragende Grundton, aber übergangslos kommen auch andere Bilder in den Blick: „Und gleich steh ich wieder in Staufenberg als Kind im Hof bei den Gemeindeamtsfliederbäumen und Flüchtlingsholzschuppen. Ich bin sieben.“ Wir kennen diese Orte genau, sie tauchen immer wieder, neu angeordnet, neu assoziiert, mit immer neuen Verbindungsfäden in den Romanen Peter Kurzecks auf. Denn Peter Kurzeck schreibt Zeit seines Lebens an einem einzigen Buch. Er veröffentlicht dieses Buch stückweise, mit in sich geschlossen scheinenden Einzelausgaben, doch wenn man näher hinschaut, merkt man, dass sowohl der Anfang als auch der Schluss offene Ränder haben. Sie knüpfen an etwas an, was schon da war oder noch kommen wird.

Kurzeck tastet die Oberflächen ab, und während des Erzählens stellt er das Erzählte gleichzeitig in Frage. Kurzeck liefert eine sich ständig variierende Bestandsaufnahme, eine ganz eigene Lösung für das Problem, wie Wirklichkeit überhaupt zustandekommt. In jedem Satz, in dem von den Wundern des Alltäglichen die Rede ist, von den Wundern der Zeit, schwingt etwas Erstauntes mit: War es wirklich so? Bin ich es, der das alles erzählt? So bekommen Wörter wie „Erdbeermilch“ plötzlich einen ungeahnten Klang, wie ein Geschenk. Deswegen wird ungefähr da, wo der letzte Roman bereits angefangen hat, 430 Seiten zurück, auch der nächste wieder beginnen, und er wird genauso und doch wieder ganz anders sein.

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