Zeitung Heute : Echt angesagt

Christian Hunzicker

Gut gestylt ist es ja, das Bauschild an der Ecke Linienstraße / Alte Schönhauser Straße in Berlin-Mitte. Linienlofts heißt das Projekt, das hier, ganz in der Nähe des Rosa-Luxemburg-Platzes, Gestalt annehmen soll. Doch wer beim Bauherrn, der NCC Immobilien GmbH, Einzelheiten über das Vorhaben erfahren möchte, hat Pech: Das Projekt sei "absolut in der konzeptionellen Phase", so dass man noch nichts Genaues verraten könne, bedauert der freundliche Pressesprecher. Genauso wenig Erfolg hat man, wenn man die auf dem Schild angegebene Internet-Adresse aufzurufen versucht: Sie existiert nicht mehr.

Wer aufmerksamen Auges durch die Straßen von Mitte spaziert, stößt auf weitere Bauschilder, die schon verdächtig lange auf geplante Lofts hinweisen, ohne dass sich bisher auch nur ein Bauarbeiter auf dem Gelände hätte sehen lassen. Auch beim Umbau alter Industriegebäude zu Lofts erfüllten sich nicht alle Investorenträume - jedenfalls meldeten bei den beiden spektakulärsten Berliner Vorhaben dieser Art, dem Loftland in Lichterfelde und dem Viktoriaquartier in Kreuzberg, die jeweiligen Investoren Insolvenz an. Dabei müssten Lofts doch eigentlich reißenden Absatz finden. Denn gerade in Berlin, so werden es die Hauptstadtwerber nicht müde zu betonen, leben ja die idealtypischen Loftbewohner in Gestalt der jungen Kreativen, die auf weiträumigen Etagen das Arbeiten und das Wohnen miteinander verbinden wollen.

Am liebsten Mitte oder Prenzlauer Berg

Doch Lofts sind keine Massenware, wie Ilja Gop von der Dr. Gop & Klingsöhr Projektentwicklung und Marktforschung GmbH betont: "Lofts sind ein Nischenprodukt für Individualisten." Dieses Produkt dürfe keinesfalls am Stadtrand stehen, sondern müsse sich in zentraler Lage - am besten in Mitte oder Prenzlauer Berg - befinden. Zudem entscheiden sich Interessenten, wie Gop festgestellt hat, selten aufgrund des Studiums des Grundrisses zum Kauf eines Lofts. Vielmehr wollten sie zuvor das fertig gestellte Gebäude sehen - was insofern nicht erstaune, als Neubaulofts in Konkurrenz zu Altbauten stünden, die logischerweise real vorhanden seien.

Immerhin bereits bis zum dritten Obergeschoss im Rohbau fertig sind die von Dr. Gop & Klingsöhr entwickelten Berlin-Lofts an der Bergstraße / Ecke Schröderstraße. Ende 2002 werden die ersten Bewohner ihr neues Domizil in der Nähe des Nordbahnhofs beziehen. Auf jeder der fünf Etagen stehen drei Einheiten von jeweils 72, 131 und 166 Quadratmetern Größe zur Auswahl; hinzu kommen zwei Dachgeschosswohnungen. Dank einer lichten Raumhöhe von gut drei Metern und neun Quadratmeter großen Holzschiebefenstern sollen die vom Berliner Architekturbüro Schlosser und Lamborelle entworfenen Einheiten an die Großzügigkeit alter Fabriketagen erinnern.

Im Unterschied zu anderen Projekten, die ebenfalls unter dem wohlklingenden Namen Lofts laufen und doch nur eine konventionelle Zimmeraufteilung bieten, weisen die Lofts an der Bergstraße tatsächlich das wichtigste Merkmal dieser Wohnform auf: die durch keine Trennwände eingeschränkte Weiträumigkeit. Abgetrennt sind lediglich die Bäder; ansonsten aber bewegt sich der Bewohner im Prinzip in einem einzigen Raum. Wer mit 166 Quadratmetern nicht auskommt, kann sich die benachbarte Einheit gleich dazukaufen - die Lofts sind nämlich so konzipiert, dass sie sich zusammenlegen lassen. Wichtig, so Ilja Gop, sei auch der Einsatz hochwertiger Materialien wie Parkett aus Eiche oder Dielen aus Lärche. Gegen einen Aufpreis kann der Kunde aber auch Parkett aus kanadischem Ahorn oder einen Terrazzo-Fußboden wählen. Die Fassade ist aus Sichtbeton.

"Sehr schlichte Materialien" machen auch für den Architekten Johannes Modersohn den Reiz eines Lofts aus. Das Berliner Büro Modersohn & Freiesleben war für den bereits abgeschlossenen Umbau eines ehemaligen Fabrikgebäudes an der Melchiorstraße in Berlin-Mitte zu einem Loft-Wohnhaus verantwortlich. Ganz wichtig sei es, "nichts verkitschen zu wollen", sagt Modersohn. Alte Kappendecken und Kiefernholzfußböden geben dem Objekt in der Melchiorstraße sein besonderes Flair. Exklusive Armaturen im Bad und noble Küchengeräte sind nach Ansicht Modersohns dagegen zweitrangig: Wer als Käufer unbedingt eine BulthaupKüche haben wolle, leiste sich diesen Luxus auch auf eigene Kosten.

Drei Meter hohe Räume - mindestens

Für unverzichtbar hält Modersohn dagegen, dass die Räume deutlich über drei Meter hoch sind, dass sich der Grundriss offen gestalten lässt und dass ausreichend große Fenster für viel Licht sorgen. Bei den bislang erst am Computer existierenden Linienlofts, die das Büro für die NCC Immobilien GmbH entwarf, ist sogar vorgesehen, dass die Bewohner mit dem Aufzug direkt in ihr Loft gelangen. Zudem ordneten Modersohn & Freiesleben die Installationsschächte so an, dass die Käufer die Küche und die Bäder nach Wunsch platzieren können - alles im Bemühen, "das Loftprinzip in den Neubau zu übersetzen", wie der Architekt sagt.

Interessenten für diese Wohnform gibt es durchaus. Die 34 Lofts an der Melchiorstraße - sie kosteten rund 2000 Euro pro Quadratmeter - waren binnen eines halben Jahres alle verkauft. Von den Berlin-Lofts an der Bergstraße ist bisher eine Einheit verkauft, drei weitere sind reserviert. Allerdings liegen hier die Preise mit 2500 bis 3800 Euro pro Quadratmeter auch deutlich höher. Bei der ersten Käuferin handle es sich um eine Malerin aus Süddeutschland, sagt Heike Dietrich von der mit der Vermarktung betrauten Krossa & Co. Anlage- und Immobilienconsulting. Auch die anderen Interessenten kämen aus dem kreativen Bereich. Viele seien Zugezogene, fast alle Singles oder kinderlose Paare.

Ganz unterschiedlich sind dagegen die Bewohner der Melchiorstraße, wie Architekt Modersohn berichtet: Die Spannbreite reicht von der Familie, die man eher in einer Standard-Vier-Zimmer-Wohnung vermuten würde, bis hin zum Künstlerpaar. Letzteres lebt tatsächlich so, wie man sich Loft-Living vorstellt: Es verbindet Wohnen und Arbeiten konsequent in einem einzigen Raum - nicht einmal die Dusche ist abgetrennt.

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