Zeitung Heute : Echte, aber bescheidene Erfolge

Der Tagesspiegel

Von Adelheid Müller-Lissner

Regelmäßige Röntgenuntersuchungen, die allen Frauen von 50 Jahren an aufwärts angeboten werden, können das Risiko verringern, an Brustkrebs zu sterben. Dieses Ergebnis einer Studie, für die fünf schwedische Untersuchungen und zudem die Daten von fast 250 000 Frauen ausgewertet wurden, erschienen jetzt in der Mediziner-Fachzeitschrift „Lancet" (Band 359, Seite 909). In der gleichen Zeitschrift hatten dänische Forscher vom angesehenen Nordic Cochrane Center vor einigen Monaten den Nutzen der Reihenuntersuchung in Frage gestellt. Überhaupt waren die Nachrichten über Nutzen und Nachteile der Früherkennungs-Mammographie in letzter Zeit eher geeignet, Verwirrung zu stiften. Und das, obwohl die Programme in Großbritannien, den Niederlanden, Schweden, Finnland, Irland und einigen anderen Ländern seit Jahren laufen. Nun beschreibt die kanadische Medizinerin Karen Gelmon in ihrem Kommentar zur neuen Studie die Auswirkung des Screenings auf die Abnahme der Brustkrebs-Sterblichkeit als „echt, aber bescheiden".

Beide Charakterisierungen haben ihren guten Grund. Die Analyse der Daten zeigt, dass die Reihenuntersuchungen langfristig echte Erfolge bewirken können: Von 100 Frauen, die ohne Screening an Brustkrebs sterben, können demnach 21 durch die radiologische Früherkennung gerettet werden. Dieses Ergebnis ist plausibel, denn kleine, nicht tastbare Knoten, die auf den Bildern entdeckt werden, haben deutlich bessere Heilungschancen. Besonders gut ist die Erfolgsrate bei Frauen, die zu Untersuchungsbeginn zwischen 60 und 69 Jahre alt waren.

Zugleich muss man den Nutzen des Screenings aber auch als bescheiden charakterisieren. Bisher waren Befürworter davon ausgegangen, dass 25 bis 30 Prozent der Brustkrebs-Todesfälle verhindert werden könnten, die aktualisierten Berechnungen der Schweden haben das nun ein wenig nach unten korrigiert. Wichtiger als diese Prozentzahlen ist bei einer Massenuntersuchung von Millionen Frauen aber ohnehin die Betrachtung der absoluten Zahlen aus dem Blickwinkel der Gesunden: 1000 Frauen über 50 müssen sich der Routine-Reihenuntersuchung unterziehen, damit das Leben einer Frau gerettet wird, die sonst an Brustkrebs sterben würde. Dass hat damit zu tun, dass selbst Brustkrebs, heute die wichtigste Krebserkrankung bei Frauen, immer noch selten ist. Glücklicherweise ist auch hier die Wahrscheinlichkeit einer Neuerkrankung so gering, dass die große Masse der Frauen auch ohne Screening nicht Gefahr läuft, daran zu erkranken oder gar zu sterben.

Um so berechtigter ist die Angst vor den sogenannten „falsch-positiven" Ergebnissen, die die untersuchten Frauen in unnötige Angst versetzen und oft sogar die Entnahme von Gewebeproben zur Folge haben. Es ist nicht allein eine Frage der Qualität, die durch Doppelbefundungen deutlich verbessert werden kann, sondern liegt auch in der Methode selbst begründet, wenn regelmäßig harmlose Veränderungen der Gewebestruktur zu Unrecht für Brustkrebs gehalten werden. Wären die Aufnahmen weniger genau, dann würde umgekehrt häufiger ein bösartiger Knoten in der Brust einer Frau übersehen. Ein gewisses Maß an falsch-positiven Befunden muss man also in Kauf nehmen.

Rolf Kreienberg, Präsident der Deutschen Krebsgesellschaft, sprach vor kurzem beim Deutschen Krebskongress davon, dass man die Methode für ein Screening in dieser Hinsicht „möglichst gut einnorden" müsse. Die Vorgaben für das Screening, die in Holland gewählt wurden, haben für ihn Vorbildfunktion. „Da der Nutzen eines Screenings für die einzelne Frau sehr gering ist, sind qualitätsgesicherte Programme essenziell", sagt Kreienberg.

Bei der dritten Europäischen Brustkrebs-Konferenz, die jüngst in Barcelona stattfand, legte der Engländer Robin Wilson, Sekretär der European Group für Breast Cancer Screening, Wert auf die Feststellung, dass nationale Screening-Programme über diesen individuellen Nutzen hinaus noch einen gesundheitspolitischen Zweck verfolgen: Ihr Wert liege nicht zuletzt „in der Rolle, die sie bei der Sicherung der gesamten Qualität der Betreuung bei Brustkrebs im jeweiligen Land" spielen. Zu den „wohltuenden Nebeneffekten" eines solchen strukturierten Screening-Programms zählte er die Zusammenarbeit von erfahrenen Brustkrebs-Experten aus verschiedenen Disziplinen. Dieses Teamwork dient langfristig auch der Verbesserung der Behandlung.

Die Entscheidung der einzelnen Frau für oder gegen die Untersuchung wird trotzdem in erster Linie von der Abwägung des direkten persönlichen Nutzens bestimmt. Auch in Deutschland muss sie schon heute getroffen werden: In drei Modellregionen werden alle Frauen im Alter zwischen 50 und 69 Jahren derzeit zum Mammographie-Screening eingeladen.

Eine Initiative von Abgeordneten des Deutschen Bundestages setzt sich zudem dafür ein, die Untersuchung möglichst schnell flächendeckend und nach europäischen Qualitätsstandards anzubieten. Auch Kreienberg mahnte auf dem Krebskonkress schnelles Handeln an, die Ergebnisse der Modellprojekte müsse man nicht abwarten. Eine wissenschaftliche Leitlinie der deutschen Krebsgesellschaft zur Früherkennung steht kurz vor der Veröffentlichung. „Ab 2003 muss das Screening bei uns funktionieren."

Was sollen die etwa sieben Millionen Frauen zwischen 50 und 69 Jahren, denen das Angebot gelten wird, dann tun? „Frauen müssen über den Nutzen und die Nachteile angemessen informiert werden, so dass sie selbst entscheiden können, ob sie am Screening teilnehmen wollen", sagte Robin Wilson in Barcelona.

Die kanadische Brustkrebsexpertin Karen Gelmon versucht in ihrem Kommentar im „Lancet" jetzt eine Antwort auf die Frage einer Rat suchenden, „verwirrten" Journalistin: „Frauen zwischen 55 und 69 Jahren, die nicht an anderen Erkrankungen leiden und die sich Sorgen wegen Brustkrebs machen, sollten ermutigt werden, am Screening teilzunehmen." Wegen der augenblicklichen Kontroverse um den Nutzen der Untersuchung nehmen derzeit weniger als die Hälfte der Frauen aus dieser Altersgruppe in den Ländern, in denen es schon besteht, das Screening-Angebot wahr, sagt Gelmon.

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