Zeitung Heute : Echte Poweruser sind über 50 Stunden die Woche im Netz

Kurt Sagatz

Einzige Beschränkung sind die hohen Online-GebührenKurt Sagatz

Die T-Onliner und AOL-Kunden von heute sind die Heavy-User von morgen. Für den Berliner Medienwissenschaftler Klaus Goldhammer sind sie eine Art Vorhut: Die absoluten Internet-Poweruser, die Woche für Woche über 50 Stunden im Netz umherstreifen und somit nicht nur einen Großteil der Arbeitszeit online verbringen, sondern auch in der Freizeit nicht auf das Web verzichten können. Auch wenn sich das Nutzungsverhalten dieser Internet-Freaks von den Gewohnheiten der jetzt neu ins Netz strömenden Menschen erheblich unterscheidet, so ist sich Goldhammer doch sicher, dass das "allways on" ein Trend ist, zu dem sich die Nutzerschaft insgesamt hin entwickelt. Vor allem jüngere Nutzer hätten ein selbstverständliches Verhältnis zu neuen Medien und so gut wie keine Berührungsängste mit neuen Technologien.

Seine Einschätzungen stützen sich auf eine Online-Befragung von fast 6000 Internet-Usern, die im letzten Jahr das Flatrate-Angebot des Berliner Providers naked eye mit dem Namen "Internet-Sommer" genutzt hatten. Aufgrund einer sehr engen Kalkulation war es dem Zugangsanbieter mit einem Tarif von 100 DM für 100 Online-Stunden gelungen, insgesamt 15 630 Vielsurfer als Kunden für das zeitlich befristete Angebot zu gewinnen. Im engeren Sinne wird zwar von einer Flatrate nur dann gesprochen, wenn mit dem monatlichen Obolus alle Online-Kosten abgedeckt sind. Allerdings kommen selbst die meisten Vielsurfer mit einem Kontingent von 100 Stunden monatlich über die Runden. Der Durchschnitt aller Befragten ist wöchentlich 26 Stunden im Netz, wenngleich die Untersuchung zum Jahreswechsel 1999/2000 gezeigt hat, dass es für die echten Heavy-User höchstens die biologische Nutzungsbegrenzung durch Schlafen gibt: Sie sitzen Woche für Woche durchschnittlich 57 Stunden vor einem internet-fähigen Endgerät.

Durch das spezielle Kundensegment des Berliner Providers konnte die Studie nur eingeschränkt zu repräsentativen Ergebnissen führen. Während andere Untersuchungen erkennen lassen, dass auch im Netz die Unterhaltungsangebote und der Rotlicht-Bereich zu den Zugpferden gehören, sind die Heavy-User vor allem an technischen Themen wie Neue Medien, Internet, PC, Spielen und Downloadmöglichkeiten interessiert. Gleichwohl lassen sich aus der Umfrage einige allgemeine Trends und Prognosen ableiten. Zu den wichtigsten Ergebnissen der Befragung gehört laut Goldhammer, dass die hohen Kosten für die Internet-Nutzung noch immer zu den entscheidenden Hinderungsgründen für die Ausweitung der Online-Nutzerschaft gehören. Gerade bei den Gruppen, die sich jetzt für den Gang ins Netz entschieden, seien die hohen Online-Gebühren eine häufig nicht finanzierbare Belastung. Dabei hätten die Provider durchaus die Möglichkeit, Flatrates von bis zu 80 Mark pro Monat anzubieten, wie das Beispiel Amerika zeige. Auch der Preisverfall bei den Mobiltelefon-Gebühren mache deutlich, dass bei der Preisgestaltung durchaus noch Luft für sinkende Tarife sei, meint der Medienwissenschaftler. Derzeit regiere jedoch eine Art Versicherungsmathematik die Handlungen der Provider, die Preissenkungen nur nach erheblichem Wettbewerbsdruck zuließen.

Dabei gehe es gar nicht darum, ruinöse Flatrates einzufordern. Ein Ergebnis der Befragung sei gewesen, dass die Mehrheit der Heavy-Nutzer durchaus bereit wären, bis zu 130 Mark monatlich für den Internet-Zugang zu bezahlen. Auch ansonsten würden finanzielle Notwendigkeiten akzeptiert, meint Goldhammer. So gebe es durchaus Verständnis für eine gewisse Form von Werbung, allerdings unter der Voraussetzung, dass die Inhalte auf der Website einen entsprechenden Nutzen bieten. Dieses Verständnis gilt jedoch nicht für so gennante Pop-Up-Werbung, die als losgelöstes Fenster plötzlich auf dem Bildschirm erscheint. Und auch Werbe-Mails werden fast ausnahmslos als reine Störung empfunden.

Doch noch in anderer Hinsicht können die Anbieter von Internet-Zugängen und Online-Informationen von den Ergebnissen der Studie einiges ableiten. Zum Beispiel, dass den Vielnutzern alles mißfällt, was ihren Surftrieb behindert. Dazu zählen beispielsweise Webseiten, die in ihrer Verspieltheit die Ladezeiten verlängern und damit unnötig Online-Gebühren verschlingen. Maximaler Nutzwert ist die Devise. Dazu zählt auch, dass auf den Webseiten Kommunikation mit anderen Onlinern möglich sein sollte. Überhaupt geht aus der Studie hervor, dass das Vorurteil vom isolierten und vereinsamten Surfer nicht zutrifft. Drei Viertel aller Poweruser haben - nach eigenen Angaben - über das Netz neue Freundschaften geschlossen und immerhin fast jeder Dritte hat seine beruflichen Kontakte über das Online-Medium ausgebaut.Die Studie ist für 149 DM erhältlich. Nähere Informationen unter

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