Zeitung Heute : Echte Tragödie: griechisches Relief abgestürzt

Der Tagesspiegel

Von Ingo Bach

Ein größeres Unglück ist für die Macher einer archäologischen Ausstellung kaum vorstellbar: eines der unersetzlichen Exponate kommt beim Aufbau zu Schaden. Dieses Pech haben die Organisatoren der gerade eröffneten Antikenausstellung „Griechische Klassik“ im Martin-Gropius-Bau. Teile eines wertvolles Steinfrieses aus dem vierten vorchristlichen Jahrhundert sind vor einer Woche beim Aufstellen umgestürzt und stark beschädigt worden. In der Schau ist die Leihgabe des Kunsthistorischen Museums Wien nicht mehr zu sehen. Die Berliner Ausstellungsmacher müssen nun fürchten, es könnte künftig schwierig werden, von Leihgebern noch wertvolle Stücke zu erhalten.

Wer für den Schaden verantwortlich ist, ist noch nicht geklärt. Der Fries, Teil eines altgriechischen Fürstengrabes, zeigt Szenen aus der Odyssee. Um es optimal betrachten zu können, müssen die 130 Zentimeter hohen Platten auf Holzpodesten in Augenhöhe präsentiert werden. Als die Packer der Kölner Transportfirma die ersten drei Reliefs auf dem Podest absetzten, stürzten die Steintafeln vornüber auf den Boden. Zwar wurden die Bildseiten nur leicht beschädigt. Die Rückseiten jedoch bekamen mehr ab. Risse durchziehen die Steine, größere Teile sind abgeplatzt.

Die Ausstellungsmacher sind noch immer schockiert. Es geht weniger um den materiellen Wert des Exponates. Es ist versichert und man kann es wieder restaurieren. Schlimmer ist der Renomee-Verlust. Weltweit geht die Bereitschaft der Museen zurück, Exponate auszuleihen – gerade, wenn große Entfernungen zurückgelegt werden müssen. An der Berliner Ausstellung beteiligten sich immerhin 110 Museen – auch ein Verdienst des Direktors der Berliner Antikensammlung Wolf-Dieter Heilmeyer, der die Ausstellung leitet. Heilmeyer fürchtet nun, dass es nach diesem Unfall noch größere Probleme geben könnte, Leihgaben nach Berlin zu holen. Und dies, obwohl Fachleute wissen, dass solche Risiken nicht außergewöhnlich sind.

Die für Transport und Aufbau verantwortlichen Unternehmen weisen für den Berliner Vorfall jede Verantwortung von sich. Die Podeste seien ausreichend belastbar gewesen, lässt die für den Aufbau verantwortliche Firma „Chamäleon Film- und Theaterbauten“ erklären. Die Ausstellungsleitung habe für ein neues Konzept die Podeste kurzfristig umbauen lassen. Deshalb hätten sie wohl der Belastung durch die zentnerschweren Reliefs nicht mehr stand gehalten. Nun seien die Podeste für die anderen Friese noch einmal umgebaut worden und „hundertprozentig sicher“.

Auch beim Transportunternehmen „Hasenkamp Transport und Logistik“, deren Mitarbeiter die Reliefteile auf das Podest gehievt haben, weist man jede Verantwortung von sich. Man habe die Platten nicht zu weit vorne, sondern genau dort abgestellt, wo sie laut Anweisung der Ausstellungsleitung und der österreichischen Restauratoren hin sollten. „Wir prüfen doch nicht vorher die Tragkraft der Podeste“, sagte ein Mitarbeiter gestern. „Hasenkamp“, nach eigenen Angaben Weltmarktführer beim Transport von wertvollen Kunstgegenständen, verweist auf die besondere Qualifizierung seiner Transporteure.

Die drei Friesteile sind ü brigens nur noch im Ausstellungskatalog zu sehen. Gleich nach dem Unfall verpackte man die beschädigten Kunstwerke wieder in Transportkisten. Sobald das Okay von der Versicherung kommt, gehen die Leihgaben zurück an das Wiener Museum. „ Die Restaurierung des Frieses wird sicher ein halbes Jahr in Anspruch nehmen“, sagt Ausstellungschef Heilmeyer. Dies werde in Wien erledigt. In jedem Museums-Leihvertrag ist es üblich festzulegen, dass bei Beschädigungen die Restauratoren des Leihgebers die Reparatur übernehmen.

Über die Schadenssumme hüllen sich die Ausstellungsmacher jedoch in Schweigen. Sie verweisen auf das laufende Prüfverfahren durch die Versicherung. Gerade die Stücke aus dem Wiener Museum seien aber auf Wunsch des Leihgebers sehr hoch versichert worden.

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