Zeitung Heute : EDINBURGH

John Rebus geht in Rente. Höchste Zeit, mit dem melancholischen Detective Inspector aus Edinburgh, dem Einzelgänger und Regelverletzer, Bekanntschaft zu schließen. Seit 1987 hat ihn sein Erfinder durch 18 Romane geschickt. Damit poliert der Schotte Ian Rankin, Jahrgang 1960, nicht nur das zwischenzeitlich verblasste Image des britischen Krimis auf. Von Fall zu Fall wurde diese Serie besser; heute darf sie als Maß aller Dinge in Sachen Kriminalroman gelten – für all diejenigen jedenfalls, die den Krimi als modernen Gesellschaftsroman zu schätzen wissen.

Bei Rankin werden nicht nur verzwickte Mordrätsel gelöst, sondern ganze Sektoren der Gesellschaft in ihrer Kompliziertheit und Korrumpiertheit durchleuchtet. So wie einst, man darf hier hoch greifen, bei Dickens, Balzac oder Fontane. Der rote Krimi-Faden ist meist mehrfach verknotet. Zum Beispiel im 17. und für deutsche Leser neuesten Roman „Im Namen der Toten“ (der letzte, „Exit Music“, ist noch nicht übersetzt): Ein Diplomat stürzt während des G8-Gipfels in Gleneagles bei Edinburgh (2005) zu Tode. Oder wurde er gestürzt? Ein dubioser Lokalpolitiker wird erstochen. Und ein Serienmörder hat es aparterweise auf entlassene Sexualstraftäter abgesehen.

Beeindruckend ist nicht nur, wie Rankin diese Fälle miteinander verquickt und Rebus sie wieder löst. Faszinierend ist vor allem, wie sie in vielfältige Schicksale, Milieus und besonders in die Topografie und Geschichte der schottischen Hauptstadt eingebettet sind. Das ist im Einzelnen plastisch, atmosphärisch dicht, manchmal auch humorvoll – und wächst im Ganzen zu einer veritablen Stadtgeschichte zusammen. Die so traditionsreiche wie provinzielle schottische Hauptstadt wird zur postmodernen Metropole von Big Business und organisierter Kriminalität. Die aufdringliche Modernisierung seit den Thatcher-Jahren, der Glanz neuer Bankpaläste, Shopping Malls und eines übergroßen (und eben darin typischen) Schottischen Parlaments überwölbt und verdeckt nur eine ebenso massive Welt von Gewalt, Missbrauch und durchdringender Korruption.

Dass John Rebus, der sich halsstarrig gegen die Mächte des Bösen stemmt, nur kleine Siege und viele Niederlagen erlebt, kann keinen Krimileser und Zeitgenossen verwundern. Immerhin nimmt er jetzt moralisch ungebrochen und auf dem Gipfel der Meisterschaft seinen Abschied. Auch für einen Könner wie Rankin wird es nicht leicht sein, ihn zu ersetzen.

JOCHEN VOGT

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