Edition-Suhrkamp-Jubiläum : Der Geist wird fünfzig

Vor 50 Jahren erschien mit Brechts "Das Leben des Galilei" der erste Band in der legendären Taschenbuchreihe der Edition Suhrkamp.

Das Jahr 1963 muss ein gutes für Berlin gewesen sein, auch ein bundesrepublikweit kulturbewegtes: John F. Kennedy bekannte auf dem Balkon des Schöneberger Rathauses, ebenfalls Berliner zu sein; das Berliner Theatertreffen wurde aus der Taufe gehoben, und Walter Höllerer gründete das Literarische Colloquium Berlin.

In Frankfurt am Main wiederum hatte Suhrkamp-Verleger Siegfried Unseld den Plan gefasst, eine Taschenbuchreihe herauszugeben, trotz des Widerstands prominenter Autoren wie Uwe Johnson oder Max Frisch: die Edition Suhrkamp, kurz „es“ abgekürzt. Am 2. Mai 1963 erschien Brechts „Leben des Galilei“, ein graues, von Suhrkamp-Grafiker Willy Fleckhaus formal streng gestaltetes Bändlein in einem knalllilafarbenen Umschlag. Es folgten Bände von unter anderen Hesse, Beckett, Adorno oder Wittgenstein, versehen jeweils mit bunten Einbänden in den Farben des Sonnenspektrums. Unseld wollte gleichermaßen neue Leser mit niedrigen Buchpreisen gewinnen und neuer Literatur genauso wie philosophischen, literaturkritischen oder geistes- und sozialwissenschaftlichen Texten sprichwörtlich „zum Durchbruch“ verhelfen. Und tatsächlich: Die „es“ schrieb Geistesgeschichte, sie lieferte das theoretische Futter für den Aufbruch in den sechziger und siebziger Jahren; und sie zehrte davon noch, als 1979 der 1000. Band mit „Stichworten zur geistigen Situation der Zeit“ erschien und Jürgen Habermas darin verkündete, dass es vorbei sei mit dem ausschließlich links stehenden Geist. Und heute? In der bald 2700 Bände zählenden Reihe erscheinen Gedichte von jungen weißrussischen Lyrikerinnen, Versuche über „das urbane Leben in der Digitalmoderne“ oder Abhandlungen über die „Zukunft des Kapitalismus“. Die Farben der Bände strahlen wie eh und je; die Strahlkraft aber, ihre einstige Bedeutung, hat die Reihe nicht wiedergewonnen.

Denkt man daran, wie Suhrkamp früher jedes noch so unbedeutende „es“-Jubiläum gefeiert hat, dann scheint der Verlag den 50. Geburtstag fast ignorieren zu wollen: Ein leeres „es“-Notizbüchlein gab es zur Erinnerung für Redaktionen und Buchhandlungen. Aber die Neuauflage eines „es“-Ladens, mit dem man 2011 die Ankunft in Berlin gefeiert hatte? Oder Veranstaltungen, Partys? Fehlanzeige. Dem Suhrkamp Verlag ist wegen des unerbittlichen Gesellschafterstreits nicht nach Feiern zumute. Ob es überhaupt weitere runde „es“-Geburtstage gibt, ist höchst fraglich. Der Geist, der früher links stand und zuletzt noch heftig durch Berlin wehte, könnte schon bald gar kein Zuhause mehr haben.

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