EDITORIAL : Asyl für Antikicker

G a Bartels

Jetzt ist es wieder so weit: Ab Sonnabend müssen alle, die keinen Bock auf Fußball haben, ganz stark sein, wenn sie gefragt werden: „Und wo guckst du heute EM?“ Da hilft nach einer Schrecksekunde nur: Schultern straffen, einatmen und mit blitzendem Blick völlig unverkrampft und locker-leicht antworten: „Gar nicht!“ Klar, die Freunde werden mit steigendem EM-Fieber immer weniger. Besonders wenn die eigenen Jungs es überraschenderweise ins Finale schaffen sollten. Das sind dann so die Situationen, wo sich viele Fußball-Hasser doch noch eilig in Schlachtenbummler verwandeln. Völlig unnötigerweise, denn das Schöne in Berlin ist ja, dass man kein EM-Spiel gucken muss, um zu wissen, wie es steht. Das teilen einem die Nachbarn sowieso mit. Mit Schreien, Jaulen, Böllern, Hupen, Heulen. Einfach Augen zu und Ohren auf. Oder noch besser: Augen und Ohren auf, die folgenden prall gefüllten Seiten durchblättern und eine, zwei oder zwölf Kultursausen rauspicken. Das Beste daran: Im Kunst- oder Kinoasyl braucht man weder Büchsenbier, Bratwurst noch Wimpel. Gunda Bartels

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