EDITORIAL : Die Aura der offenen Stadt

Berlin spielt eine Schlüsselrolle in der Geschichte Europas seit dem 19. Jahrhundert. Und obwohl es immer viele Berlins gab, von dem Avantgarde-Labor der Moderne bis zu der Schaltstelle antizivilisatorischer Infamie, ist manchmal kaum zu fassen, dass sich Berlin innerhalb weniger Jahrzehnte von der Frontstadt des Kalten Krieges – der Stoff für le Carrés „Spion, der aus der Kälte kam“ – in das internationale Kultur-Mekka für Kunst, Literatur, Musik und Film verwandelt hat, das es heute ist. Doppelagenten wurden durch Kunst-Spürhunde ersetzt, Militärparaden durch Kulturfestspiele. Staatliche Subventionen sind seit dem Fall der Mauer immer weiter versiegt, doch der freie Markt füllt die Lücke mit dem Angebot von hunderttausenden günstigen Wohnungen für die Kreativen aus der ganzen Welt. Berlins Anziehungskraft liegt nicht mehr darin, dass hier westdeutsche Pazifisten sich dem Wehrdienst entziehen können – sondern in seiner Offenheit und seinem unternehmerischen Klima.

Das neue Berlin geht auf in seiner Weltläufigkeit. In Scharen ziehen die Künstler aus London und Los Angeles, aus Kapstadt und Singapur hierher, ohne sich von dem Mangel an Bürgertum und Wirtschaftskraft und der unbeholfenen Verwaltung entmutigen zu lassen. Was den Reiz der Stadt ausmacht, ist ihre Unruhe und Unabhängigkeit, die raue, kreative Reibung, die zwischen den beiden sehr unterschiedlichen Berlins – Ost und West – auf ihrem komplizierten Weg zu einer Einheit entsteht. Um Longfellow abzuwandeln, einige große Städte werden nach dem beurteilt, was sie bereits erreicht haben. Berlin wird daran gemessen, was es zu werden verspricht. Dieses Berlin wird durch seinen Weg zur Identitätsfindung definiert, und anders als die vertrauten Kontinuitäten von Paris und London, lebt diese zerklüftete Metropole seine Gegenwart im Geist einer kosmopolitischen Dissonanz.

An dieser Geschichte Berlins schreiben weiterhin Amerikaner mit, und die Bannkraft der Stadt geht auch von der Gemeinschaft außergewöhnlicher Künstler, Autoren, Gelehrten und politischen Entscheidungsträgern aus, die sich entschließen an das Hans Arnhold Center der American Academy in Berlin am Ufer des Wannsees zu kommen, und von den philanthropischen cognoscenti, die sogar auch in New York in die Carnegie Hall strömen.

Auch wenn dieses eklektische Berlin nicht Deutschland als Ganzes repräsentiert, mehrt es zweifellos das Ansehen dieser einst verwickelten Nation. Wenn die Carnegie Hall anlässlich des Besuchs der Berliner Philharmoniker im kommenden November ein „Berlin in Lights Festival“ eröffnet, das sich über ganz Manhattan erstreckt, wird der Glanz Berlins auch das Ansehen Deutschlands leuchten lassen. Die American Academy in Berlin wird sich an den Feierlichkeiten mit vielen Veranstaltungen und Alumni beteiligen, die wie wir die aufregende Wiederbelegung Berlins zu bewundern gelernt haben.

Der Autor ist Geschäftsführender Direktor der American Academy in Berlin

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