EDITORIAL : Die Tropen um uns

Jörg W er

Nachts liegt man auf dem Bett, und es ist, als läge man in einem warmen Nebel. Am Morgen ist der Nebel dichter und heiß. Nach kurzer Zeit stumpft man ab. Alle trinken, die Augen der Menschen sind blutunterlaufen.“ Was der Ungar Sándor Márai in seinem großartigen Roman „Die Glut“ einem aus den Tropen heimgekehrten Mitteleuropäer in den Mund legte, könnte fast eine Zustandsbeschreibung des Berliner Sommers 2009 sein. Sintflutartige Regengüsse wechseln mit schwüler Vorgewitterstimmung, die Laune der Mitmenschen schwankt zwischen Apathie und Partywut. Immerhin scheinen Flora und Fauna das subtropische Klima zu goutieren: Blühendes Gesträuch am Wegesrand wuchert in ungeahnte Dimensionen, freches Kleinvieh sabotiert die Pyromusikale, der von Ferne zuzuschauen dennoch ein spektakuläres Erlebnis war. Auch wie’s wird, wenn’s meteorologisch so weitergeht, schreibt Márai: „Alles ist feucht, die Bettlaken, die Unterwäsche, der Tabak in der Blechdose, das Brot.“ Und der Teppich zuhause wellt sich auch schon. Fröhliche Sommerferien! Jörg Wunder

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