EDITORIAL : Die Zeichen mehren sich

Gentrifizierung, das waren für mich immer die anderen. In einem schäbig aussehenden Fünfziger-Jahre-Bau am unhippen Ende von Kreuzberg 61 logierend, wähnte ich mich vor dem Veränderungsdruck, der sich über Berlin gestülpt hat, einigermaßen sicher. Doch nun wurden in kurzer Zeit drei wegen Todesfall und Berlinflucht frei gewordene Wohnungen neu bezogen – von einem britischen Amateurmusiker, zwei biodeutschen Yuppies und einem spanischen Pärchen. So weit, so Klischee. Abgesehen davon, dass olle Einzugsrituale wie Sich-Vorstellen nicht mehr angesagt zu sein scheinen, sind die Neuen noch nicht verhaltensauffällig geworden. Behutsame Recherche ergab, dass sie zwei Drittel mehr Miete zahlen als wir Altbewohner. Auf menetekelhafte Weise beunruhigend finde ich aber erst, dass eine der Ringeltauben, deren Aufzuchtbemühungen ich seit längerem interessiert beobachte, mit gebrochenem Genick zwischen Glasscherben im Hof lag, nachdem sie offenbar in suizidaler Absicht ins Wohnzimmerfenster des Briten geflogen war. Ich weiß nicht, was soll es bedeuten.Jörg Wunder

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!