EDITORIAL : Duftbombe im Treppenhaus

Mein Geruchssinn ist nicht besonders fein entwickelt. Dennoch hatte ich kürzlich einen olfaktorischen Flashback. Vorm morgendlichen Aufbruch ins Büro hörte ich die Tür der Wohnung nebenan zuschlagen. Als ich ins Treppenhaus trat, fühlte ich mich schlagartig in die Kindheit versetzt, denn es roch exakt so wie bei meinen allerersten Frisörbesuchen. An diesen süßlichen Duftmix aus einer vergessenen Siebziger-Jahre-Shampoosorte und viel Haarspray (nur echt mit FCKW) denke ich mit gemischten Gefühlen zurück: Einerseits wuchs in mir früh eine Abneigung gegen kurze Haare, denn die waren in meinem erwachenden Bewusstsein mit unangenehmen, etwa militärischen, Eigenschaften verknüpft. Andererseits machten mir meine Eltern die Haarschneidetermine dadurch schmackhaft, dass ich mir danach ein Spielzeugauto aus dem Sortiment des Frisörsalons aussuchen durfte. Der war nämlich – geniales Geschäftsmodell – zugleich ein Spielwarenladen. Genutzt hat es nichts: Mit 17 hatte ich Haare wie ein Hippie, und der Salon machte ein paar Jahre später zu.Jörg Wunder

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