EDITORIAL : Endlich flanieren

Jörg W er

Man möchte es noch immer nicht beschreien, aber es ist wohl nicht zu kühn, wenn man den Winter so langsam für beendet erklärt. Damit sind endlich die Tage vorbei, an denen man in unwürdig verspannter Sturzvermeidungshaltung über spiegelglatte Gehwege schleichen musste. Nachdem mittlerweile sogar der Regierende aus seiner administrativen Winterstarre erwacht ist und die Beseitigung von Splitthaufen, Hundekackehügeln und Silvesterdreck zur Chefsache erklärt hat, werden wir bis Ostern Zeugen einer konzertierten Säuberungsaktion. Den dann für ein paar kostbare Tage errungenen Zustand größtmöglicher Aufgeräumtheit sollte man nicht träge verstreichen lassen. Sondern für die edelste Fortbewegungsart nutzen, die im großstädtischen Raum möglich ist: Zum vor über 80 Jahren von Franz Hessel bedichteten Flaneur wird man nämlich nur dann, wenn man befreiten Blickes und ohne unterschwellige Panik vor dem Tritt ins Häufchen durchs frühlingserwachende Berlin schlendern, bummeln, latschen oder, höchstes aller Spaziergängergefühle, flanieren kann. Die Zeit nehm’ ich mir. Jörg Wunder

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