EDITORIAL : Fortschritt im Kleinen

Warum nur drängt sich zum Jahresende alles so, als wollte sich die Welt tatsächlich einem abschließenden Kassensturz stellen? Alles geht doch immer weiter. Wenn der Maya-Kalender abgelaufen ist, wird eben ein anderer eingekauft. Der Jahresendhatz zu entgehen, bleibt dennoch schwer. Wer es schafft, alle sechs Kantaten des Weihnachtsoratoriums zu hören, ist dem Welttreiben schon einmal ein gutes Stück entrückt. Die Eingangspauken übertönen für einen Moment auch die Querschläger im urbanen Miteinander, ebenso wie der Schlusschor von Beethovens Neunter daran appelliert, ein Feuerwerk der Empathie zu entfachen. Nicht nur zu Silvester, das Leben will schließlich voranschreiten, auch nach dem 31. Dezember. Jeder kann dazu beitragen, dass sich das neue Jahr auch zu einem Fortschritt entwickelt. Kleine, wichtige Dinge: mal richtig ausschlafen, durch die Stadt spazieren und sie nicht den Autos überlassen. „Lade jemand Gefährlichen zum Tee ein“, riet Joseph Beuys. Und den finalen Kassensturz, den schieben wir auf.

Ulrich Amling

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