EDITORIAL : Ich werd euch was husten

Ulrich Amling

Es soll ja sensible Menschen geben, die abends daheim bleiben, wenn sie der Husten schüttelt. Doch ehrlich gesagt, in den eigenen vier Wänden entfaltet so ein Husten kaum seinen Reiz. Es fehlt die heroische Geste, mit der man das Aufwallen des eigenen Körpers zugunsten der zarten Sopranistin auf dem Podium niederringt. Es kitzelt auch nicht die Lust am Widerstand gegen leise dahin schwebende atonale Mikrozellen. Die häusliche Explosion verhallt ungehört und lässt sich die Chance entgehen, zu einem kapitalen Konzerthuster aufzusteigen, der Aufsehen erregt. Also ihr Huster, stürmt die Konzertsäle. Leitet euren akustischen Beitrag dramaturgisch reizvoll ein, durch nervöses kramen in Handtaschen und knistern mit Bonbonpapier. Wer partout keinen Huster im Rachen parat hat, der bestelle sich in der Philharmonie-Pause ein Glas Himbeerbowle. Die von Sekt aufgeschwemmten Fruchtpartikelchen triezen den Hals und lösen umgehend den Wunsch aus, einmal herzhaft zu husten. Und bitte: Kein Taschentuch vor den Mund halten, das verdirbt nachhaltig die gute Akustik. Ulrich Amling

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