EDITORIAL : Keine Esskultur

Lorenz Maroldt

Seit ein paar Monaten gibt es in Berlin ein „Sozialticket Kultur“. Für jeweils drei Euro konnten damit bisher 25 000 Berliner, die Arbeitslosengeld oder Sozialhilfe bekommen, ins Theater oder die Oper gehen. Im Tagesspiegel stand, das seien enttäuschend wenige. Aber das ist eigentlich Quatsch, wenn man bedenkt, dass der Regelsatz für Ernährung auf 4,25 Euro festgelegt ist. Finanzsenator Sarrazin meint, das reicht locker aus für Essen und Trinken, jedenfalls ohne Alk. Mag ja sein, dass man damit nicht verhungern muss, aber von Esskultur kann da wohl keine Rede sein. In meinem ganz normalen Lieblingssupermarkt, zu dem ich deswegen so gerne gehe, weil er bis Mitternacht geöffnet hat, würde ich mit einem Limit von 4,25 täglich jedenfalls grandios scheitern. Und ob ich mir dann noch Gedanken darüber machte, in welche Oper ich jetzt mal gerne gehen würde... allenfalls Rossinis „Cenerentola“ vielleicht, oder Brechts „Dreigroschenoper“, obwohl: muss auch nicht wirklich sein. Ist ja auch irre: Das Tagesbudget reicht zwar für ein Mahl bei Sarrazins, aber nicht mal für ein Treueherz. Lorenz Maroldt

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