EDITORIAL : Prima le parole!

Ich gestehe: Oft verstehe ich kein Wort, wenn ich in der Oper bin. Die Gesten der Leidenschaft, meist gut abgegriffen, sehe ich wohl, spüre auch die Mühe, mit der der Gesang über den Orchestergraben in den Saal katapultiert wird. Doch alles wird irgendwie Klang, aus dem sich höchstens einzelne Vokale schälen lassen. Eine längere Reihung sinngebender Worte zu erwischen, ist ein seltenes Glück. Natürlich kann mehr aus dem Sängermund dechiffrieren, wer zuvor das Libretto studiert hat. Aber wer schafft das schon immer. Daher ist es ein großer Fortschritt für die Opernwelt, dass jetzt auch deutschsprachige Musikdramen übertitelt werden oder der Text dezent in der Lehne des Vorderstuhls aufleuchtet. Da kann man dann Wagner-Worte mitlesen oder sich bei völligem Unverständnis die wallenden Stabreime in klärendes Englisch übersetzen lassen. In der nächsten Saison kommen an der Komischen Oper auch noch Libretti in Türkisch und Französisch dazu. So sprießt aus dem Kauderwelsch internationaler Sängerscharen eine neue Sprachbegeisterung – vielstimmig. Ulrich Amling

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