EDITORIAL : Rare Momente

Wenn man einmal die ganze Hysterie beiseite ließe, könnte man den Schnee endlich als das betrachten, was er ist: ein Tranquilizer ohne Verschreibungspflicht, angstlösend und entspannend. Er hellt unsere Nächte auf, taucht sie in milden Glanz und dämpft, was uns erschreckt, den immerwährenden alarmierenden Lärm. Wir könnten wie auf Watte durch die Welt gehen, würden wir nicht allzu sehr an der gewohnten fragilen Balance des Lebens kleben. Und es wäre auf einmal richtig still. So still, dass man vielleicht sogar einen klaren Gedanken fassen könnte.

Was für ein Silvester: Die Luft zu eisig, um ein Feuerzeug anzuschnippsen, eine Rakete oder Pistole abzufeuern. Der Schnee so dick, dass er Böller und Pfennigschwarm in seiner kalten Umarmung erstickt. Kein Heulen in der Luft, nur ein leichtes wehen des Windes, der Kristalle vor sich hin treibt. Ein Wintermärchen, rar wie ein Film ohne Soundtrack, eine Oper ohne Rampe, ein Ballett ohne Schwerkraft. Wie das neue Jahr wohl werden wird? Laut, natürlich. Kommen Sie gut rüber, schneeleise. Ulrich Amling

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