EDITORIAL : Scheitern als Chance

Nichts altert so schnell wie die Utopie von gestern. Das dachte ich jedenfalls, als ich neulich auf dem Pariser Flughafen Orly landete. Das Empfangsgebäude ist eine Zeitmaschine in die fortschrittsgläubigen Sechziger, allerdings im Zustand desillusionierender Verwahrlosung. Den Transit in die Stadt übernimmt eine ruckelnde, vollautomatische Magnetschwebebahn. Mir kamen fast die Tränen, weil ich an die puppenstubenhafte West-Berliner Versuchsstrecke zwischen Gleisdreieck und Kemperplatz in den Achtzigern denken musste. Die ist längst vergessen. Was wohl auch mit den haarsträubendsten Technikungeheuern unseres Landes passieren wird, wenn sie erst mal eine Weile abgeschaltet sind. Und obwohl ich seit der Volljährigkeit gegen Akws angewählt habe, überkommt mich ein seltsames, fast zärtliches Gefühl. Die friedliche Nutzung des Atoms. Raumschiffe mit Nuklearantrieb. Unerschöpfliche Energie. Was für naive, schöne Träume damit verbunden waren. Vergessen, vorbei. Und das ist auch gut so, denn eine gescheiterte Utopie sieht noch schlechter aus als eine gealterte.Jörg Wunder

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