EDITORIAL : Sturm der Stille

Jörg W er

Neulich auf dem Großen Zschirnstein. Man ahnt es ja, als permanent vom Alltagslärm umgebener Großstädter, aber dann haut sie einen doch um: die große Stille der Natur. Zuerst hört man ein so unergründliches Nichts, dass einem das sanfte Pochen des Bluts in den Ohren wie ein Presslufthammer vorkommt. Dann mischen sich allerzarteste Laute dazu: das Rascheln der Blätter in der Abendbrise, das Summen neugieriger Insekten, hier und da ein scheues Vogelgepiepe. Ein Specht, der mit vorsichtigem Gepicke die Konsistenz eines Baumstamms ermisst. Für sein wohl bekanntestes Werk „4’33’’“ erteilte John Cage den ausführenden Musikern die Anweisung „tacet“ – völlige Stille. Dass diese unter den gegebenen Bedingungen der Stadt unmöglich zu erreichen ist, dürfte dem Avantgardekünstler bewusst gewesen sein. In dem Stück „Variations VII“ ließ er über Telefonleitungen Geräusche aus verschiedenen Teilen New Yorks in einen Konzertsaal übertragen. So was geht nur in der Stadt. Etwa im Radialsystem, wo das experimentelle Stück am Freitag aufgeführt wird. Auch toll. Jörg Wunder

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