Zeitung Heute : Edoardo Agnelli: Der Fluch des Hauses A.

Werner Raith

Fast hundert Jahre lang schien es, als ob sich Fortuna nie und nimmer von jener vornehmen Familie abwenden würde, die in gewisser Weise nicht nur die piemontesische Hauptstadt Turin, sondern ganz Italien repräsentiert. Weit mehr als 150 Mitglieder umfasst der Clan, dessen Mitglieder sich allesamt auf irgendwelche hundertjährigen Abstammungrechte aus dem Hause Agnelli berufen. Weder politische Stürme noch wirtschaftliche Depressionen konnten den auf die Autoherstellung, später auch auf Waffenproduktion und Finanzgeschäfte aufgebauten Erfolg bremsen. Sogar schwere Zerwürfnisse innerhalb der Familie - etwa die Auseinandersetzung zwischen den Brüdern Gianni und dem viel jüngeren Umberto um die Führung nach einem eventuellen Rückzug Giannis - überwand die Verwandtschaft nach dem Motto: "Was auch passiert, es bleibt in der Familie."

Der Übergang vom Gründervater Giovanni I. zum neuen Chef Gianni vollzog sich fast reibungslos. Nicht die Kinder des alten Giovanni übernahmen die wichtigen Funktionen im Familienunternehmen, sondern dessen Enkel Gianni, obwohl dieser seine Jugend eher als Leichtfuß und Frauenheld mit unzähligen Affären erbracht hatte. Doch er wuchs schnell in die Rolle Patriarchen hinein, steuerte FIAT und die anderen Holdings beherzt durch allerlei Krisen - und wollte zum Ende des Jahrhunderts eigentlich sein Haus bestellt haben und sich wieder "den schönen Dingen des Lebens" widmen.

Doch seit einem halben Jahrzehnt hat die Glücksgöttin das Haus Agnelli verlassen, und es kommt Schlag auf Schlag - nicht nur wirtschaftlich, sondern auch was die persönliche Schicksal der Familienmitglieder angeht. Der Tod des gerade 46-jährigen Edoardo Agnelli stellt so etwas wie einen Endpunkt des "Fluches" dar, der "irgendwie nun über der Familie liegt", wie der "Corriere della sera" schrieb.

Es begann vor drei Jahren: Da starb der zur künftigen Führung des Konzerns ausersehene Giovanni Alberto, Sohn von Umberto, mit gerade mal vierzig Jahren kurz nach seiner Nominierung an einem heimtückischen Krebs, der erst im letzten Moment entdeckt wurde. Mit Edoardo wurde nun der andere der beiden männlichen Mitglieder der neuen Generation dahingerafft - der Name Agnelli wird in direkter Linie nun aussterben. Gerade auf diesen hatte der Clan sich so viel zu gute gehalten, dass selbst die Testamente voll sind von Kautelen, die alle den altehrwürdigen Namen schützen sollen.

Gianni Agnelli wird nachgesagt, er habe schon seit dem Tod des geliebten Neffen Giovanni Alberto alle Lust verloren - der schnell ausgehandelte und teilweise recht ungünstige Fusionsvertrag mit General Motors zeigte seinen Freunden schon an, dass der Alte nicht mehr bei der Sache war. Inzwischen mehren sich die Zeichen, dass die Agnellis ihre Industrieanteile ganz und gar loswerden wollen.

Noch ist nicht genau bekannt, ob sich Edoardo das Leben genommen hat - der Name der Brücke, unter der sein zerschmetterter Körper gefunden wurde, lautet "Brücke der Selbstmörder", und dass der Wagen mit laufendem Motor oben auf der Brücke stand, passt auch zu dem eher unsteten, sprunghaften und dann wieder überaus melancholischen Mann.

Geboren wurde er 1954 in New York, weil die Familie dort einige Zeit verbrachte, doch Giannis Freude über den "Stammhalter" währte nicht lange: Schon früh begann der Junge sich abzukapseln, zeigte nicht das mindeste Verständnis für Geschäfte, vergrub sich in esoterische Bücher, mit denen der Vater absolut nichts anfangen konnte, studierte Literatur und Religionsgeschichte - und büchste am Ende nach Indien aus, offiziell um die dortigen Religionen zu studieren, in Wirklichkeit aber wohl, um ein Leben fern dem Industriereichtum zu beginnen. Die Familie hat alles unternommen, um ihn wieder heimzuholen. Sie besorgte ihm Engagements mal bei Juventus Turin, dann wieder im fernen Afrika - und musste sich dreinschicken, als der Sohn 1990 in Kenia mit ein paar Kilo Heroin aufgegriffen wurde. Er wurde einer Reihe von rigiden Entziehungskuren unterworfen - von denen böse Zungen behaupten, sie hätten nicht nur die Drogensucht von Agnelli junior ins Visier genommen, sondern wollten ihm auch noch wenigstens rudimentäre Interessen am Kapital einbläuen.

Jedenfalls lebte Edoardo danach jahrelang so abgeschottet, dass es geradezu zur Sensation wurde, als ihn Journalisten eher zufällig im Gewand eines Winzers auf den Weingütern seiner Mutter in der Toskana entdeckten. Dort widmete er sich neuen Anbaumethoden und suchte mit den Gewinnen wiederum humanitäre Projekte zu unterstützen. Unter großzügiger Mithilfe seiner Tante Susanne, Giannis Schwester, die eines der ersten Bücher über drogenabhängige Straßenkinder in Italien geschrieben hatte, entwickelte er Rehabilitierungsprogramme für Süchtige.

Obwohl das Verhältnis zu seinem Vater seit jeher problematisch war, zeigte Gianni immer wieder großes Verständnis für Edoardo - mitunter hatte man bei Intereviews sogar den Eindruck, der Alte beneide seinen Sohn mächtig, weil der es fertig gebracht hatte, sich vom großen Geld zu emanzipieren und nicht nur ein Leben mit Sinnfragen zuzubringen, sondern aus diesem Räsonnieren auch noch praktischen Nutzen zu ziehen. Insofern nimmt es denn auch nicht Wunder, dass der Erste, der mit dem Präfekten von Turin am Todesort eintraf und die Identifizierung vornahm, gerade Gianni Agnelli war.

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