Zeitung Heute : „Eene meene Muh“

NAME

INTERVIEW

Berühmte Ausländer in Deutschland haben oft einen auffälligen Akzent – auch wenn sie schon lange hier leben. Wir haben drei von ihnen befragt.

Der niederländische Entertainer Rudi Carrell, 67, arbeitet seit über 30 Jahren in Deutschland.

Herr Carrell, man sagt, Sie sprechen nur in der Öffentlichkeit noch mit Akzent.

Unsinn. Ich bin erst mit 30 Jahren nach Deutschland gekommen, da wird man seinen Akzent nicht mehr los. Ich bin seit 50 Jahren im Showgeschäft, und mir fällt niemand ein, der während dieser Zeitspanne so kreativ war wie ich. Wenn mir dann jemand erzählt, er gucke meine Shows nur wegen meines lustigen Akzents – dann empfinde ich das als Beleidigung.

Versuchen Sie gelegentlich noch, Ihr Deutsch zu verbessern?

Den Zuschauern ist es nicht so wichtig, ob ich sauber spreche. Ich mache kein Radio, ich bin der Fernsehmann – deshalb achte ich zunächst darauf, dass der optische Eindruck stimmt, erst dann kommt die Aussprache.

Überfordert Sie das Deutsche bisweilen ?

Nur, wennn ich Einladungen zu Kinder- Quizsendungen erhalte. Die muss ich oft absagen. Reime wie „Eene meene Muh" habe ich nie gelernt. Rätsel, in denen danach gefragt wird, könnte ich nie beantworten.

Kennen Sie holländische Wörter, die den Deutschen besondere Probleme bereiten?

„Scheveningen“. Im Zweiten Weltkrieg war dieser ein Test, um in Holland Fremde zu identifizieren – wer „Scheveningen“ nicht korrekt aussprechen konnte, war möglicherweise ein Deutscher, und dann war seine Tarnung aufgeflogen.

Der Südafrikaner Howard Carpendale, 56, wurde in Deutschland zumSchlagerstar.

Herr Carpendale, geht es nicht auch ohne Akzent?

Früher konnte ich über solche Fragen noch lachen, jetzt nicht mehr. Vorwürfe dieser Art sind typisch für die deutsche Showbranche: der Carpendale mache doch nur Entertainment, der kann ganz einwandfrei Deutsch sprechen. Schauen Sie, ich bin erst mit 23 hierher gekommen, da verliert man seinen Akzent nicht mehr.

Gibt es deutsche Wörter, mit denen Sie Probleme haben?

Ich würde gerne wissen, was ich mit der Aussprache des „ch", wie in „Ich“, falsch mache. „Ich" spreche ich „Ish" aus. Ich rolle meine Zunge wie verrückt am Gaumen, aber den Kniff habe ich einfach nicht raus. Früher wurde ich deshalb sogar „Der Ish-Sänger“ genannt .

Ansonsten haben Sie Ihren Frieden mit der deutschen Sprache geschlossen?

Ja. Früher hatte ich größere Schwierigkeiten. Ich erinnere mich an meine erste Aufnahme 1967. Ich sollte „Es war eine furchtbare Zeit" singen. Doch statt „furchtbar" sang ich „fruchtbar", immer wieder. Mein Produzent ist damals fast verrückt geworden. Und ich hatte den Unterschied nicht einmal bemerkt.

Der niederländische Showmaster Harry Wijnvoord, 53, moderierte die Quiz-Sendung „Der Preis ist Heiß".

Herr Wijnvoord, tun Sie etwas gegen Ihren Akzent?

Ich versuche ihn abzulegen, seit ich 21 bin. Ich war bei einer Fluggesellschaft tätig, und wann immer ich übers Geschäft reden wollte, hieß es nur: „Ach, der Holländer, der babbelt aber süß". Moment mal, dachte ich - ich trage eine Krawatte, ich bin doch ein ernst zu nehmender Geschäftsmann!

Dafür tun die Deutschen sich mit Holländisch noch schwerer.

Euer einziges Problem besteht in der Aussprache der Buchstabenfolge „ui", was bei euch in der Aussprache entfernt dem Laut „öi" nahekommt. Wie in „Huis", das Haus.

Gibt es deutsche Wörter, vor denen Sie kapitulieren müssen?

Ich habe ein Problem mit dem Wort „schließlich". Ich weiß auch nicht, warum. Ich kann eben meine Zunge nicht verknoten.

Die Interviews führte Sassan Niasseri.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!