Zeitung Heute : Ehe auf Skiern

Vertrauen, Verständnis und Zusammenhalt – was einen guten Begleitläufer für einen Athleten mit beeinträchtigter Sehkraft ausmacht. Von Franziska Ehlert und Tassilo Hummel

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Der Vorfahrer. Begleitläuferdpa

Sein Ziel immer fest im Blick zu behalten, fällt nicht leicht, vor allem, wenn einem das Augenlicht fehlt. Verena Bentele, Wilhelm Brem und Gerd Gradwohl lassen es sich trotzdem nicht nehmen, ihren Traum von den Paralympischen Winterspielen zu leben. Unverzichtbare Unterstützung erfahren sie dabei von ihren Guides, die das Sehen für die Athleten übernehmen. Es ist ein Leben in sportlicher Symbiose, obwohl die Guides eher die Rolle der heimlichen Helden spielen. Doch was macht einen guten Guide eigentlich aus?

„Man muss schon schneller sein als der Blinde“, sagt Karl-Heinz Vachenauer, der Guide von Alpinsportler Gerd Gradwohl. Das Führen des Sehbehinderten erfordert höchste Konzentration und viel Erfahrung, so muss der Guide sich auf der Strecke häufig umdrehen und flexibel auf Tempowechsel reagieren können. Natürlich ist auch eine exzellente Kommunikation unabdingbar. Vachenauer und Gradwohl verzichten während des Laufes vollständig auf verbalen Austausch und verlassen sich auf das geringe Restsehvermögen des Athleten. „Wenn ein Sprung kommt und ich tauche kurz weg, dann ist der Gerd für einen Moment ganz alleine, er sieht den Sprung ja nicht“, erklärt Vachenauer.

Ganz anders hingegen läuft es bei Verena Bentele und ihrem Guide Thomas Friedrich. Die hitzige Athletin und der ausgeglichene Bonner kommunizieren während des Laufens über ein Headset miteinander: Bei jedem Stockschlag ruft Friedrich laut „Hopp“, die Richtungen werden mit Hilfe des oberen Ziffernblattes der Uhr angegeben. Ein guter Guide muss immer alles im Blick haben, die Zeiten beobachten, das Tempo kontrollieren und den Sportler souverän durch die Bahn lotsen – er denkt also ständig für zwei.

Sollte die Verständigung einmal misslingen, kann das verheerende Folgen haben. So musste Verena Bentele einen Kreuzbandriss und schwere Handgelenksverletzungen in Kauf nehmen, weil ihr früherer Guide rechts und links verwechselt hatte. Das Duo war danach dahin, Bentele sportlich mit dem Rücken an der Wand. Zum Glück nahm Friedrich, der als erfahrener Begleiter schon bei vielen internationalen Wettbewerben erfolgreich war und schon mit Verenas Bruder trainierte, die Herausforderung an. „Wir verstehen uns total gut“, freut sich Bentele. Denn mittlerweile darf Friedrich sich als Freund der Familie sehen. Eine Bindung, von der das Duo profitiert: Vier Starts und vier Mal Gold bei den diesjährigen Paralympics in Vancouver.

Die intensiven Momente, die Guide und Athlet miteinander erleben – die Minuten vor dem Start, das gemeinsame Gewinnen oder Verlieren – sind Quelle einer besonderen Beziehung, die sich auf einer ganz besonderen Ebene abspielt. Vertrauen ist die Essenz, die ein gutes Duo ausmacht. Karl- Heinz Vachenauer vergleicht seine Bindung zu Gerd Gradwohl gern mit einer Ehe, in der es auch mal kriseln kann. „Wie überall, wenn man so viel Zeit miteinander verbringt, gibt es auch mal Probleme“, sagt Florian Grimm, der mit dem blinden Biathleten Wilhelm Brem bei den Paralympics antritt. Tatsächlich gibt es auch das Ehemodell in der Guide-Athleten-Geschichte. So wurde die österreichische Alpinistin Sabine Gasteiger jahrelang von ihrem Ehemann begleitet. Auch familiäre Beziehungen lassen sich finden: Brian McKeever, Kanadas Goldlangläufer, erfährt Unterstützung von seinem Bruder Robin. Der war neun Mal kanadischer Meister und stand 1998 im Olympiakader. Trotzdem kommt es vor, dass ihm sein sechs Jahre jüngerer Bruder zu schnell wird: „Brian fordert mich manchmal dazu auf, schneller zu fahren, als mein Körper eigentlich kann.“

Die Probleme eines jeden Ensembles sind so individuell wie die Läufer selbst. Dem Zuschauer bietet sich hingegen vor allem bei den nordischen Athleten ein Bild von absoluter Perfektion, ein synchrones Zusammenspiel wie bei Lokomotive und Waggon.

Die Motivation hinter der Unterstützung der Sehbehinderten ist vor allem eine Moralische, denn eine zufriedenstellende Bezahlung erhalten die Guides nicht. Auch in Beruf und Privatem müssen sie zurückstecken, um genug Zeit in das Training investieren zu können, denn alle betreiben den Sport als Amateure.

Völlig auseinander gehen die Meinungen darüber, ob die Guides sich im Falle eines Sieges auch als richtige Gewinner fühlen dürfen. Florian Grimm findet das schon, „schließlich ist man ein Team und trainiert das ganze Jahr miteinander“. Karl-Heinz Vachenauer dagegen ist sich seiner Unabdingbarkeit zwar bewusst, findet aber: „Der Held ist schon der Gerd. Ich bin schließlich dafür da, dass ich ihm die Möglichkeit zum Gewinnen gebe.“

Eine Medaille bekommen die Guides im Falle einer Platzierung unter den ersten drei immer – obwohl sie vermutlich wenig wert ist im Verhältnis zu dem, was sie für ihre sehbehinderten Partner leisten, schließlich muss der Athlet sich völlig ihrer Führung überlassen. Blindes Vertrauen, das Ziel trotzdem immer fest im Blick.

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