Zeitung Heute : Ehemaligen-Treff: Spurensuche

Peter Nolte

De Humboldt-Universität hat fünfzig ehemalige Studenten der Friedrich-Wilhelms-Universität, die während der Naziherrschaft von der Hochschule und aus Deutschland vertrieben wurden, an ihre alte Alma mater eingeladen. Vom 15. bis 21. Oktober sollen die Ehemaligen in Berlin wieder zusammenkommen. Die Schirmherrschaft hat Bundestagspräsident Wolfgang Thierse übernommen, ebenfalls ein ehemaliger Student der Humboldt-Universität.

Mehr als die Hälfte der Eingeladenen, die heute zwischen 85 und 95 Jahre alt sind, hat ihr Kommen zugesagt. Viele, die ihr Schicksal von Berlin weggeführt hat, nehmen trotz ihres Alters die Beschwerlichkeiten der Anreise unter anderem aus Israel, den USA, Österreich und Deutschland in Kauf, um die Stätte ihres Studiums wiederzusehen. Nur wenige von den Gästen kennen sich persönlich aus ihrer Studentenzeit. Sie werden einander hier erstmals begegnen, Erinnerungen austauschen, aber auch mit den heutigen Studenten zusammentreffen. Jedem Gast stehen heutige Studenten als Paten zur Seite.

Zu Beginn des Projekts "Erforschung des Verbleibs der in der Zeit von 1933-1945 aus politischen und rassischen Gründen verfolgten Angehörigen der Friedrich-Wilhelms-Universität zu Berlin", gefördert von der Fritz-Thyssen-Stiftung, im Oktober 2000 war ein solches Treffen keineswegs absehbar. Im Archiv der Humboldt-Universität fanden sich trotz der Kriegsverluste die Namen von rund 2200 Studenten und Absolventen, die Repressalien verschiedenster Art erlitten haben, wie die Aberkennung akademischer Grade, Relegation von der Universität, Ausschluss vom Studium, eine eingeschränkte Erlaubnis zum weiteren Studium, die Nötigung zur Emigration, aber auch Verhaftungen.

Ausgangspunkt war nicht mehr als die Namen der Betroffenen. Die Nachforschungen nahmen recht schnell den Charakter einer Detektivarbeit an. Und auch hier spielte der "Kommissar Zufall" eine wichtige Rolle. Trotz berechtigter Zweifel, aus dieser Generation noch Zeitzeugen zu finden, konnte als erster Professor Rudolf Arnheim, ehemals Mitarbeiter von Kurt Tucholsky und Carl von Ossietzky an der "Weltbühne", in den USA ausfindig gemacht werden. Bekannte Namen wie Stefan Heym oder Heinz Berggruen, aber auch Hinweise von Mitgliedern der Jüdischen Gemeinde führten zum heutigen Kreis der Eingeladenen.

Bei etlichen Ehemaligen kam die Einladung zu spät: Jehuda B. Benski aus Haifa, Werner Hirsch aus Bat Yam, Kurt Bergel aus Kalifornien und Peter von Zahn aus Hamburg werden nicht mehr dabei sein. Der Stand der Forschung erfasst derzeit fünfzig Zeitzeugen, aber auch mehr oder weniger detaillierte Angaben zu rund dreihundert weiteren Personen dieser Studentengeneration. Beträchtliche Schwierigkeiten bestehen in den deutschen Datenschutz-Vorschriften, wie auch in der Namensänderung vieler weiblicher Studenten. Als bisher beste Quellen erwiesen sich die Erinnerungen der Zeitzeugen und der Social Security Death Index sowie das Telefonbuch der USA.

Weniger erfolgreich war der Versuch, von Nachkommen der Gesuchten Informationen zu erhalten. Häufig beklagen auch die Zeitzeugen das mangelnde Interesse ihrer eigenen Kinder. Prozentual gesehen sind die bisher erreichten Ergebnisse gering. Bedenkt man aber den zeitlichen Abstand und die dürftigen Information über den Weg der Studenten in die Emigration, sind sie allerdings durchaus beachtlich.

Großen Einfluss auf den Fortgang der Forschung wird nun die Woche der "Kommilitonen von 1933" haben, weil die Aktivierung der Erinnerung immer wieder Namen, Ereignisse und Kenntnisse über das Schicksal von Freunden hervorbringt. Die anreisenden Gäste erinnern sich fast ausnahmslos an Berlin als eine fabelhafte Stadt und an die Universität als eine hervorragende Bildungsstätte.

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