Zeitung Heute : Ehre, wem Ehre gebührt

Mehr Titel als auf eine Visitenkarte passen

Oliver Trenkamp

Die Mönche im ungarischen Zisterzienserkloster Kismaros litten unter kalten Füßen – bis sich Fritz Wagner einschaltete. Der Professor für Mittellateinische Philologie an der Freien Universität wollte die Misere nicht mit ansehen und erbettelte genug Heizöl, um die Brüder warm durch den Winter zu bringen. Für sein „überdurchschnittliches Engagement“, das sich nicht auf diese Hilfsaktion beschränkte, bedankten sich die Zisterzienser mit dem höchsten Ehrentitel, der einem Laien verliehen werden kann: Der Professor wurde dieses Jahr zum „Familiaren des Ordens“ ernannt – eine von zahllosen Ehrungen, die Fritz Wagner in seiner langen wissenschaftlichen Laufbahn zuteil wurden.

Wagner ist ein zupackender Gelehrter, dessen Leidenschaft für sein Fach sich nicht nur in zahllosen Veröffentlichungen artikuliert. Seine Studierenden und Kollegen schätzen sein Charisma – Wagner wurde zu einem Glücksfall für ein Fach, an dem die Studentenströme normalerweise vorbeifließen. Dank seiner Fähigkeit, seine Begeisterung für die Mittellateinische Philologie auf die Studenten zu übertragen, gelang es ihm, den wissenschaftlichen Nachwuchs für das kleine Fach zu begeistern. So hat Wagner deutliche Spuren in seiner Disziplin und in seinem Institut an der Freien Universität hinterlassen. Noch heute wirkt er hier, obwohl er eigentlich vor drei Jahren emeritiert wurde. Doch Wagner rastet nicht. Auf ihn passt der Begriff (Un-)Ruheständler.

Fritz Wagner hat aus dem Nischenfach Mittellatein, der mittelalterlichen und in Westeuropa gebrauchten Variante der lateinischen Sprache, eine bei Forschern und Studierenden hoch angesehene und etablierte Disziplin gemacht. Durch seine zahlreichen Schriften trug er dazu bei, ein breiteres Publikum für die Epoche des Mittelalters zu interessieren.

Besonders intensiv hat er sich mit dem Zisterzienserorden beschäftigt, einer Glaubensgemeinschaft, die 1098 von Benediktinermönchen gegründet wurde. Die Zisterzienser erlangten vor allem während des 12. und 13. Jahrhunderts eine große Bedeutung. Sie schufen landwirtschaftliche Musterbetriebe und trugen sehr zur Verbreitung der hochmittelalterlichen Kultur bei. Noch heute gibt es den Orden und über 15 seiner Klöster allein in Deutschland. Doch Fritz Wagner befasste sich nicht nur auf dem Papier mit den Zisterziensern. Er berät den Orden, sitzt im wissenschaftlichen Beirat der „Cistercienser Chronik“, hilft bei Veranstaltungsvorbereitungen – zuletzt bei einer Handschriftenausstellung in der Abtei Himmerod in der Eifel. Um seinen Vortrag zu hören, kämpften sich die Zuhörer sogar durh einen Schneesturm, wie in der Zeitschrift des Ordens vermerkt ist.

Der Protestant Wagner begann seine Karriere umgeben von Katholiken: am Niederrhein. In Herzogenrath machte er Abitur und studierte dann Griechisch, Latein, Mittellatein, Germanistik und Geschichte an den Universitäten Köln und Bonn. Nach einem Habilitationsstipendium wurde er 1967 an der Uni Köln habilitiert. Es folgten verschiedene Lehraufträge und Dozentenstellen, bevor er 1970 den Ruf an die Freie Universität Berlin erhielt.

In einem Asterix-Heft hieße der Mittellateiner Fritz Wagner wahrscheinlich „Honorix“ – so zahlreich sind seine Auszeichnungen und Ehrentitel. Voll ausgeschrieben passen sie kaum auf eine Visitenkarte: Univ-Prof., Prof., h.c., Dr. phil., Dr. h.c. mult. Fritz Wagner ist schon die Kurzform.

Er ist Professor ehrenhalber, Träger des Bundesverdienstkreuzes und des Verdienstordens der Republik Italien und Vorsitzender der Grimm-Gesellschaft. Mittlerweile wurde ihm die vierte Ehrendoktorwürde verliehen. Die Kliment-Ohridski-Universität Sofia würdigt damit seine Verdienste für den Wissenschaftstransfer zwischen Bulgarien und Deutschland. Wagner initiierte einen Kooperationsvertrag und ein Forschungsprojekt zum Thema „Kulturgeschichte: Alltagsleben und Mentalität im Mittelalter“. Mehrere osteuropäische Universitäten unterstütze er damit, dass er für großzügige Bücherspenden und Stipendienprogramme sorgte.

Seine Kollegen sagen über seine Verdienste: „Durch dieses beharrliche Engagement – wie es seine Art ist, oft im Alleingang und auch unter Umgehung manchmal sinnloser bürokratischer Hürden betrieben – konnte er vielen Wissenschaftlern in kaum hoch genug einzuschätzender Weise helfen.“ Von dem engagierten Mittellateiner ist zu erwarten, dass er das auch weiterhin tun wird.

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