Zeitung Heute : Ehren, wem Ehre gebührt

David Ensikat

Wie ein Ost-Berliner die Stadt erleben kann

Über aktuellpolitische Fragen unterhalte ich mich nicht so gern. Es fällt mir schwer, eindeutige Haltungen zu beziehen. Meistens haben doch alle Seiten irgendwie unrecht. Die Dinge sind zu kompliziert, um meinungsstark darüber zu diskutieren. Neulich fragte mich eine Freundin, was ich über Biermanns Ehrenbürgerschaft dächte. Püh, dachte ich, wieder so eine Sache. Die einen, die CDUler, die den Biermann als Erste vorgeschlagen haben, haben das ja nicht wegen des Biermannes getan. Als der noch eine Rolle spielte, etwa 30 Jahre ist das her, da waren ihm die Politbüros von SED und DKP deutlich näher als die CDU. Außerdem – was hat der eigentlich mit Berlin zu tun? Er hat hier mal eine Zeit lang gelebt und schöne Lieder gesungen, die in ihre Zeit passten. Das hat er mit Nick Cave und David Bowie gemein. Muss man deshalb Ehrenbürger werden?

Andererseits – die PDS. Wegen der hat die CDU die Sache ja ins Rollen gebracht, um die zu ärgern. Die so erzwungene Einsicht der Genossen: „War doch nicht alles schlecht in der DDR, auch der Biermann nicht“, die ist, na ja, kongenial.

Was sollte ich zur Sache sagen? Für die Ehre oder gegen die Ehre? Ich sagte: „Soll er Ehrenbürger werden. Er ist schon ein toller Hecht und kann auch wirklich sehr gut Gitarre spielen.“

Das Schöne an so einer Ehrung, der der Senat gestern zugestimmt hat, ist doch, dass Glanz des Geehrten auf den Ehrenden hinüberschimmert. Als Urberliner wüsste ich den Hamburger Biermann qua Ehrenbürgerschaft wieder an meiner Seite. Tolles Gefühl! Zumal der einer ist, der immer Bescheid weiß und wusste. Einer mit einer felsenfesten Meinung. Die ändert er von Zeit zu Zeit, doch die jeweils neue ist umso felsenfester. So möchte ich auch mal werden, dann ziehe ich weg aus Berlin und warte, bis sie sich über meine Ehrenbürgerschaft die Mäuler zerreißen.

Einige seiner schönsten Irrtümer: „Das geht sein’ sozialistischen Gang“, das Kölner Biermann-Konzert vom November 1976 auf zwei CDs bei Zweitausendeins, 13,99 Euro.

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