Zeitung Heute : Ehrlich währt am längsten!

Von Esther Kogelboom

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Manchmal ist die Wahrheit ein Nieselregenschauer. Man denkt, es ist gar nicht schlimm, aber am Ende steht man pitschnass unter der Autobahnbrücke wie ein vom Wetter überraschter Motorradfahrer. Manchmal ist die Wahrheit auch eine Handgranate. Während sie durch die Luft fliegt und der Absender sich in Erwartung der Explosion die Ohren zuhält, trifft sie einen selbst dann doch eher plötzlich. Kawumm, und nichts mehr ist so, wie es war.

Das Beängstigende an der Wahrheit ist, dass sie meistens furchtbar profan ist: Haare werden weder mit einem beschichteten Glätteisen glatt noch mit heizbaren Lockenwicklern lockig. Es gibt Frauen, denen stehen keine Ballerinas. Ist man bereits morgens müde, wird es im Tagesverlauf immer schlimmer. Jemand ist nicht an einem interessiert.

Meine Freundin ist eine bedeutende Vertreterin der Ehrlich-währtam-längsten-Fraktion. Bereits in der Schule wollte sie vom Lehrer wissen, wie sie notenmäßig steht. Befindet sie sich heute in einer Beziehung ohne gesamtgesellschaftlich gültiges Etikett fragt sie: „Sag mal, was willst du eigentlich genau von mir?“ Während sie mit ehrlichen Antworten umgehen kann, stecke ich lieber den Kopf in den Sand. Es stimmt wirklich: Ich will die Wahrheit gar nicht wissen, oftmals aus Gründen der Harmonie auch nicht sagen.

Wir diskutierten das alles bei einem Karäffchen Litschi-Bionade in unserer neuen Lieblingsbar. Es war noch früh am Abend, draußen gingen wegen des Weltwirtschaftsgipfels mehrere Hundertschaften Polizei spazieren. Bedrohlich. Ich fühle mich immer ertappt, wenn so viel Grün auf mich zukommt.

„Ehrlich währt so ziemlich am längsten“, sagte meine Freundin, während sie etwas Wodka in ihren Sprudel mixte. „Aber man muss mutig sein und stark, sonst funktioniert es nicht.“

Neulich stand ich wegen eines Verkehrsdeliktes vor Gericht. Ich weiß gar nicht, ob ich darüber schreiben darf oder ob mir das zehn Jahre Knast einbringt. Jedenfalls fragte der Richter mich, wie es denn nun wirklich war, an diesem grauen Vormittag vor 14 Monaten. Ich erzählte und erzählte, und dann musste ich nach vorne kommen und die Szenerie mithilfe von Matchbox-Autos nachspielen. Obwohl es um Schuld, Sühne und Strafe ging, musste ich lachen – ein Lachen, das in den Weiten des Gerichtssaals unbeantwortet widerhallte.

Verunsichert verhaspelte ich mich, so dass meine erste Version in mehreren – offenbar wesentlichen – Details von der Matchbox-Version abwich, bis ich irgendwann nicht mehr wusste, was an diesem grauen Vormittag vor 14 Monaten wirklich passiert war. Der Fehler war, zuzugeben, dass ich mich nicht erinnern konnte. Ich sah, wie die Augäpfel meines Anwalts sich hinter seinen geschlossenen Lidern hin und her bewegten, als hätte er einen schrecklichen Albtraum.

Es endete damit, dass ich sehr viel Geld auf das Konto der Spastikerhilfe überweisen musste, obwohl ich mir keinerlei Schuld bewusst war. Natürlich würde ich jederzeit freiwillig für die Spastikerhilfe spenden – aber doch nicht, wenn ein Richter mir das befiehlt.

Nein! Nein! Das ist nicht wahr!

In Wirklichkeit hätte ich nie im Leben Geld für die Spastiker gespendet, weil ich ein egoistisches Schwein bin und lieber verreist wäre. Zum Beispiel in das von Matteo Thun entworfene Vigilius Mountain Resort in Südtirol, und zum Frühstück jeden Morgen Vernatsch mit Speck.

Das ist jetzt die Wahrheit. Sie ist hässlich und tut weh.

Ich sag ja, ich bin dagegen.

Unsere Kolumnistin, 31, bekommt laufend gute Ratschläge. An dieser Stelle überprüft sie jede Woche einen davon auf seinen Wahrheitsgehalt.

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