Eichingers Tod : Ohne seine Wucht

Sie sagen alle das Richtige, und sie tun es knapp. Selbst die Politiker, denen das ungefragte Stellungnehmen zur zweiten Natur geworden ist, mischen ihre Stimmen, mit denen sie den Verstorbenen rühmen, pietätvoll in einen leise seine Klage anhebenden Chor. Ein „leidenschaftlicher Antreiber und Träumer“ des deutschen Kinos sei Bernd Eichinger gewesen, sagt Bundeskanzlerin Angela Merkel. Und der Berliner Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit würdigt ihn als „einen der ganz Großen des deutschen Films, und wir alle hätten so gern noch viele Filme von ihm gesehen“.

Der Grundton der Trauer aber, wenn sie sich überhaupt jenseits der ersten Schreckensstarre artikuliert, spricht vor allem von Unersetzlichkeit. Davon, dass sich mit dem Tod des großen Produzenten – noch dazu zwei Wochen vor der Berlinale, wo sich alles zur Feier des Films rüstet – eine Lücke auftut, die niemand schließen kann. Dieser eherne Gedankenbestandteil von Bestattungsreden: Hier ist er auf eine Weise echt, die erst langsam in das Bewusstsein einer so amorphen wie riesigen Hinterbliebenengemeinde einsickert. Ohne Bernd Eichinger, das Herz der Constantin und damit der einzigen deutschen Filmproduktion von Weltrang, wirkt die deutsche Filmlandschaft flach. Kein spitzgezackter Gipfel, kein Leuchtturm, nirgends.

Natürlich geht das deutsche Filmeproduzieren im wohlgepolsterten Förderwesen auch ohne Eichinger weiter. Aber das ist auch nicht die Sorge, die sich da auf einmal gewaltig auftut. Auch ist die Constantin-Aktie nicht dramatisch eingebrochen wie unlängst der Apple-Kurs nach der neuerlichen Krankheitsnachricht des Firmenlenkers Steve Jobs. Die Börse hat den Tod des stellvertretenden Constantin-Aufsichtsratsvorsitzenden, der sich schon vor zehn Jahren aus seinen Exekutivfunktionen zurückgezogen hatte, mit einer nur leichten Delle quittiert. Aber auch darum geht es nicht. Noch nicht, möchte man hinzufügen.

Der Verlust der Think-big-Ausnahmeerscheinung namens Eichinger mag heute von enormer psychologischer Wucht sein. Morgen und übermorgen aber dürfte er auch ökonomische Folgen haben. Es gibt in Deutschland niemanden, der wie Eichinger mit nahezu manischer Energie massenkompatible Kinostoffe mit Top-Schauspielern und viel Geld zusammenbringt, und das Ergebnis sieht dann nach Hollywood aus statt, mit Verlaub, nach Hannoversch-Münden. Am ehesten noch hätte Til Schweiger, auch er ein Verfechter des Bigger-thanFördertopf-Denkens, mit seinen Publikumsfilmen die Chuzpe dazu. Aber für den Aufstieg in die Eichinger-Liga agiert er einstweilen zu selbstverliebt.

So entwickelt dieser plötzliche Tod in Hollywood – Eichinger starb in Los Angeles an einem Herzinfarkt – Symbolkraft nicht nur für eine Biografie, die Hollywood zum Maßstab nahm und in durchaus respektablem Maß zu erobern begann. Sondern darüber hinaus für eine deutsche Filmindustrie, deren größte Erfolge und fetteste heimische Marktanteile stets mit dem Namen Eichinger verbunden waren. Tycoons alter Schule mögen selten geworden sein in der Traumfabrik. Das Subventionsparadies Deutschland hatte wenigstens einen.

Als gestern, auch das gehört zu diesem Tag danach, gefragt wurde, wann und wo Bernd Eichinger beerdigt werde, hieß es, für die Antwort sei es noch zu früh. Der deutsche Film wird weiterleben, in sehr vielen und auch sehr guten Namen. Ein Name aber, der allein für Größe steht, wird lange fehlen.

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