Zeitung Heute : Eichners ganze Welt

Der Friedhof, ein stiller Ort der Toten? Von wegen. Wolfgang Eichner führt seit 50 Jahren in seinem Häuschen auf dem Kirchhof St. Nicolai/St. Marien, gleich hinter dem Berliner Alexanderplatz, ein höchst lebendiges Leben

Deike Diening



Dort, wo Berlin-Mitte unter großem Getöse in den Prenzlauer Berg übergeht, wo Berlin am lautesten ist, ausgerechnet hinter dem Alexanderplatz, an der kreischenden Kreuzung Mollstraße/Prenzlauer Allee wohnt in aller Stille direkt hinter der Friedhofsmauer, hinter Bewuchs und Backstein, mit der glamourösen Adresse Prenzlauer Allee 1 in einem bescheidenen Häuschen Amtmann Eichner nun das 50. Jahr.

Und wenn man auf die Klingel drückt, öffnet eine aufrechte Erscheinung mit Hut, derart verwachsen mit dem Beruf des Kirchhofverwalters, dass man Wolfgang Eichner nun, da er heraustritt in den November, sogar farblich kaum noch unterscheiden kann von dem Grün der Moose und Sträucher, in seiner grünen Jacke, unter dem grünen Jägerhut, und unter den wilden Augenbrauen des Alters ein gerader, grüner Blick.

Beamter im Range des Amtmanns, 84 Jahre alt, Friedhofsverwalter und vor einiger Zeit ziemlich folgenlos pensioniert, da noch immer ehrenamtlich tätig für den Kirchhof St. Nicolai/St. Marien, wohnhaft im selben Haus, mit Wohnrecht lebenslang.

Die, die sich einen Friedhof in der Hauptsache als Stille ausmalen, ahnen ja nicht, wie einer wie Eichner sich streiten kann. Sie ahnen ja nicht, welch konkrete Vorstellungen Eichner von einem letzten Ruheplatz hat. Da gibt es etwas zu verteidigen, zu bewilligen, zumal auf einem konfessionell geführten Kirchhof, mit Eichner, in dem der Gottesglaube so tief steckt, dass er es nicht haben kann, wenn die Leute neuerdings anonym bestattet werden wollen. Und tote Äste oben in den Baumkronen sind Gefahren, die ein Verwalter, der nicht selbst auf seinem Friedhof wohnt und regelmäßig seine Rundgänge macht wie Eichner, ja gar nicht wahrnehmen kann.

Man kann sich jetzt zusammen mit ihm vom eiskalten Wind beuteln lassen, seine dreieinhalb Hektar bewandern, über das Areal, das zwischendurch immer wieder den Charakter eines Waldes annimmt. Keine Reihengräber, im Sommer sitzen hier verträumte Städter auf den Bänken, und jetzt ist Hochsaison im November, um Totensonntag. „Ewigkeitssonntag“, verbessert Eichner, denn es gehe ja darum, dass es eben noch weitergeht nach diesem Leben.

Eichner wird in den folgenden sechs Stunden auch niemals „Grabstein“ sagen, sondern „Denkmal“, und die Denkmäler hier am Ort sind sein Orientierungssystem, beim Brose-Denkmal ist seine Werkstatt, oben der Kompost, und ja, da kommt gleich das Ehrenberg-Denkmal, Christian Gottfried Ehrenberg, der die Mikroskopie in die Wissenschaft eingeführt hat und ohne den man also gar nicht wüsste, dass sich in einer Handvoll guter Erde idealerweise 10 000 Kleinstlebe wesen befinden. Wolfgang Eichner, „Führungen nur selten und bei guter Laune“, zeigt die Gräber und erklärt die Geschichte der berühmten Toten, aber mindestens so lieb sind ihm die Bäume, und deshalb führt er nun zu seiner Lieblingseiche, zeigt auf die Essigbäume, ein Friedhof ist ein Lebensraum für Vögel, nur das Karnickel dahinten, das erinnert ihn an seine 18 000 Euro Efeuschaden.

Hier oben auf dem Plateau, wo der Wind noch stärker geht, möchte Eichner einen Platz mit Aussicht zeigen, an dem schon seit 20 Jahren der Grabstein eines noch höchst lebendigen Ehepaares steht, die Geburtsdaten sind schon eingefügt. So viel Voraussicht beeindruckt ihn.

Kann da etwa jeder kommen? Nein, wer hier ein Denkmal möchte, muss zu ihm und ihm eine Zeichnung zeigen. „Ich muss das genehmigen.“ Und, was genehmigt er nicht? „Unvergessen“ als Inschrift. „Es kann ja mal sein“, sagt Amtmann Eichner, „dass sich aus irgendeinem Grund die Angehörigen später einmal nicht ums Grab kümmern können – und dann steht da ,unvergessen‘!“

Und er selbst?

„Möchten Sie es sehen? Wir können hingehen.“

Dann geht es bergan zu seinem eigenen Grab, in das er 2002 schon seine Frau gesenkt hat und 2004 seine Tochter. Eine Bank verrät, dass hier öfter jemand sitzt. „Ein Friedhof ist nicht zwangsläufig ein trauriger Ort“, sagt Eichner. Er sei ein Ort für das Gefühl der Dankbarkeit. Vor allem für jene, die wie er glauben, dass es mit dem Tod nicht zu Ende ist.

Wie es aber anfing mit ihm und dem Friedhof, 1958, das erzählt er auch.

„Welche Bäume willst du loswerden?“, fragte er einen befreundeten Förster. Hier, diese Ebereschen und Birken. „Genau die will ich haben“, sagte Eichner und schnallte, weil er keinen Wagen besaß, die Bäume auf sein Motorrad mit Beiwagen und fuhr los Richtung Berlin. „Anhalten, wie bewegen Sie sich eigentlich vorwärts?“ Das war die Polizei. Eichner saß ja vollständig im Grün. Und erst als er die Bäume zur Seite rückte, kam darunter sein Motorrad zum Vorschein, und dann durfte er weiterfahren zu seinem Kirchhof.

Man muss sich Eichner, der mit Frau und Kindern in seinem Friedhofshäuschen wohnte, als findigen Menschen vorstellen. Der auf wundersame Weise viel mehr zu können schien, als er gelernt hatte. Er machte einen Sägeschein und lernte, wie man Problembäume fällt, da gab es nicht viele, die das konnten. Seine Werkzeuge waren immer 1a. Technisches Verständnis hatte er, und deshalb auch einen Lastzug, elektrische Heckenscheren, einen kleinen Bagger. „Alle haben sich immer gewundert, wieso meine Sargträger so gerade gehen“, den Sarg am langen Arm. Was sie nicht sahen, war ja, dass Eichner einen Elektrokran hatte, der an einem Seil den Sarg den Hang hinaufzog. Er rodete, hub aus, fällte für andere Friedhöfe und bekam dafür Geld, das er in seinen Kirchhof steckte.

Und dann beschloss Berlin Ost, dass der evangelische Friedhof verschwinden sollte aus der Innenstadt. Begründung: Im Kriegsfall müssten für die Menschen aus den umliegenden Hochhäusern Brunnen gebohrt werden. Die seien aber durch die Leichen vergiftet. „Dabei“, sagt Eichner, „ist nach 30 Zentimetern Erde alles, was aus einer Leiche austreten kann, gefiltert.“

Sie betteten 700 Gräber um, viele nach Stahnsdorf, mitsamt Denkmal und Hecken, und ab 1970 galt für Wolfgang Eichner Bestattungsverbot. Weswegen der nun beim Magistrat ganz im Ernst „entgangene Bestattungsgebühr“ beantragte, 45 000 Mark, die er jährlich zur Instandhaltung nun auch erhielt. Während des Verbots, das 19 Jahre dauern sollte, bot er in seiner Kapelle „Parallelbestattungen“ an, für Leute, die zur Beerdigung ihrer Verwandten nicht in den Westen reisen durften. Alles fand genau zum gleichen Zeitpunkt statt, es gab Musik, und damit alles komplett war, stellte er noch einen Sarg auf, „leer natürlich“.

Dann starb 1989 ganz plötzlich der Kommunismus, und allein Eichner saß immer noch im Schatten seiner Mauer, die ja die Friedhofsmauer war. Ein Beamter zwar, doch auch sein eigener Herr. Mit einem ganz eigenen, ländlichen Leben an einer der befahrensten Kreuzungen der Stadt. Auch seine Mauer war jetzt wieder offen, für die Toten der Stadt. Er durfte nämlich ab 1989 wieder beerdigen. Aber dass jetzt alles plötzlich „Friedhof“ heißen sollte, gefiel ihm gar nicht, das sei ja schon deshalb ganz und gar unmöglich, wehrte Eichner sich gegen die neuen Vorschriften, weil bei ihm das Wort „Kirchhof“ ja eingemeißelt sei.

Seine eigenen Gewohnheiten änderten sich kaum. Längst hatte er sich angewöhnt, auch nach Schließung abends noch einmal eine Runde zu laufen, da konnte er in Ruhe stehen und schauen und zum Beispiel den richtigen Platz finden, an den er im kommenden Jahr seinen Weihnachtsbaum auspflanzen würde. Jedes Jahr, seit 1958, eine Fichte mit Ballen, die nach dem Fest sein Gelände verschönerte. Kann einer noch mehr Wurzeln schlagen?

Aber nun dämmert es, und die Kälte treibt einen eisig ins Haus, und viel mehr noch als draußen unter den Bäumen herrscht hier das Gefühl, auf dem Land zu sein. Mit der unbeheizten Diele, den Stühlen mit dem Hundegeschirr und den Weidenkätzchen, im Zimmer an Haken die Arbeitsjacken, der Kohleofen. Da kommt der hüfthohe Jagdhund aus der Küche geschossen, wirft sich mit der Wucht seiner zweieinhalb Jahre an Herrn und Besucher, zwei ebenfalls wuchtige Schreibtische stehen Kopf an Kopf, vergilbte Karteikarten für die einzelnen Grabstellen im Schrank. Es ist Eichners Büro seit 50 Jahren, und da hängt auch die Pendeluhr, die regelmäßig aufgezogen werden muss, deren Pendel noch immer schwingt, seit 1802.

Eichner, erzählend, spannt jetzt in der Strahlungswärme des Kachelofens ein lebendiges Panorama auf, man sieht den sehr jungen Eichner, wie er, noch ganz klein, abends mit den Händen in den Hosentaschen um das Grundstück seiner Eltern läuft, so wie es die Bauern immer taten. Wie er später durch einen Bach hüpft auf dem Weg zu einer Ferienarbeit in einem Hotel, wo er die Gäste mit Mütze und Kutsche vom Bahnhof abholt. Man sieht ihn, wie er im Krieg Flugzeuge wartet und viel später durch einen Granatenhagel rennt und sich neben einem Fallschirmjäger zu Boden wirft, hier, sagt der, du kannst eine von meinen Stullen haben, ich habe zwei, und wie er das noch sagt, trifft ihn ein Granatsplitter tödlich in den Rücken. Man sieht den etwas älteren Eichner, blond, mit hoher Stirn und Brille, der in Halle an der Saale eine junge Frau trifft, die eine Schrift nicht entziffern kann. Hier, sagt der junge Eichner, versuchen Sie es doch einmal damit, und reicht ihr seine Brille, und die Frau wird zu seiner Frau, und sie haben eine Tochter und einen Sohn. Da ist Eichner, wie er in der Verwaltung arbeitet, bei der Reichsbahn, und wie ihm dann sein Propst die Verwaltung des Kirchhofs vorschlägt, es ist 1958, tja, und einziehen müsse er dort wohl auch, denn ein Verwalter, der wohne halt auf dem Friedhof.

Und während draußen die Straßen geteert werden, das Land versiegelt, Elektrokabel gezogen werden und nebenan Prunkbauten in die Höhe wachsen, gräbt Eichner mittendrin in der Erde, er hält instand, bestattet, bettet um, beschneidet, er pflanzt, er harkt, er fällt Bäume und hängt Vogelhäuschen auf.

Eine Mauer wird gebaut, eine Mauer fällt, vor der Tür ist jetzt der hippste Platz Europas, und Eichner?

Man sieht ihn bei Ahrensfelde, in seinem Revier, wo er dafür sorgt, dass das Schwarzwild nicht überhandnimmt. Man sieht ihn, wie er eines Nachts von mehreren Einbrechern überrascht wird in seinem Haus, und es entspinnt sich eine Rangelei, und dann geht sein Revolver los, den er dabei hat, und einer der Einbrecher stirbt, und das ist Notwehr.

84 Jahre Leben sind 84 Jahre Begegnungen mit Todes arten. Der Friedhofsverwalter weiß, wie man dem Tod einen würdigen Ort zuweist und diesen Ort dann pflegt, der Soldat sah andere Soldaten fallen, der Ehemann und Vater weiß, wie man den Tod betrauert, und der Jäger führt ihn herbei, mit Schrot und Blei.

„Wahrscheinlich habe ich genauso viel Angst vor dem Tod wie jeder andere auch.“ Und dann ist es still, und nur die Holzplatte des Schreibtisches vibriert, denn draußen fährt die Tram.

„Wollen Sie wissen, was auf meinen Grabstein kommt?“, und er zitiert mit Betonung:

„Wanderer, zieh deine Mütze,

ein Humorist und schlechter Schütze

liegt hier im finstern Loch.

Die Witze, die er sagte,

die Hasen, die er jagte,

die leben alle noch.“

Und dann beginnt er zu lachen, das Lachen eines ernsthaften Mannes, es springt im Raum herum, prallt von dem braunen Kachelofen ab, springt zwischen der Anrichte, der Kommode, dem Beerdigungsregister, der alten, metallenen Arbeitslampe, die aus keinem Antiquariat kommt, sondern halt noch immer hier steht, das Lachen bewegt jetzt seinen ganzen Oberkörper.

„Im Ernst?“

„Im Ernst“, sagt er. Das wird sein Spruch. So ist es abgesprochen.

Draußen fassen seine 49 Fichten von 49 Weihnachtsfesten mit ihren Wurzeln Jahr für Jahr tiefer in die Erde. Oben am Hang liegen seine Frau und seine Tochter. Eichner, sein Name wie ein Baum, sagt, er habe es gut gehabt, so oft, wie der Tod schon an ihm vorbeigerannt ist. Und ich kann das, sagt er, und es klingt noch immer etwas erstaunt, ich kann sogar ausgraben, ohne, dass mir schlecht wird. Und das, obwohl mir als Kind schon die Luft weggeblieben ist, wenn ich nur einen Friedhof betreten habe.

Wolfgang Eichner tritt mit einem Schwall Wärme ins Freie, der Bewegungsmelder reagiert, die Straßenlampen beleuchten die riesige Fichte vor dem Haus, es ist der erste seiner Weihnachtsbäume, eingepflanzt vor 49 Jahren. Er tritt ans Friedhofstor, und nur die Umdrehung eines Schlüssels entfernt liegt Berlin-Mitte, 2008.

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