Zeitung Heute : Eigenbedarf anmelden

Till Hein

Wie ein Neuberliner die Stadt erleben kann

Heute musste ich früh aufstehen. Hoher Besuch hatte sich angesagt. Die Dame von der Immobilienfirma und „neue Interessenten“. Unser Haus soll verkauft werden. Genauer: das Haus, in dem unsere WG ist. Nähe Chamissoplatz. Das spricht Investoren an.

Der Mann trug einen dunklen Anzug und gab sich gönnerhaft. Das „Parkett“ sei „sehr schön“, schmeichelte er und deutete auf unsere abgewetzten Dielen. Er hatte einen Plan der Wohnung dabei, überprüfte den Grundriss und die Qualität des Mauerwerks. „Was soll das Haus denn kosten?“, fragte ich.

Die Gattin des Anzugträgers winkte ab: „Wir suchen doch lediglich eine Wohnung.“ Da kapierte ich endlich: Die Frage ist nicht, an wen wir künftig die Miete überweisen werden. Wenn es den beiden hier behagt, kaufen sie uns die WG einfach unterm Hintern weg! Sie müssen lediglich „Eigenbedarf“ anmelden, dann können wir die Koffer packen.

Plötzlich hatte ich diesen Song von Motörhead im Ohr: „Come on baby, eat the rich!“ Beinahe hätte ich ihn zu summen begonnen, doch dann hielt ich mich doch zurück: zu reichenfeindlich. Der Kapitalismus ist ja so etwas wie eine Religion. Und religiöse Gefühle zu verletzen, kann sehr riskant sein.

Ich erzählte herzergreifend, dass es unsere WG „bereits seit zwei Jahrzehnten“ gebe. Aber ich glaube, das interessierte das Pärchen und die Immobilienfrau einen feuchten Kehricht. Trotzdem haben wir noch mal Schwein gehabt: Die Interessenten waren nicht restlos begeistert von unserer Wohnung. „Wirklich sehr geeignet für eine WG“, sagten sie milde. Doch bald werden die nächsten Reichen aufkreuzen. Die Dame von der Immobilienfirma will sich wieder melden.

Ich versuche jetzt herausfinden, ob die Maklerin selbst auch in einer Mietwohnung lebt. Dann könnte ich mal im dunklen Anzug bei ihr vorbeischauen. Vielleicht lässt sich ihre Bude ja günstig abgreifen. Wegen Eigenbedarfs, versteht sich.

Tipps und Tricks gegen Eigenbedarf gibt es beim Mieterschutzbund Berlin, Tel. 0900 182 92 40, www.mieterschutzbund-berlin.de

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