Zeitung Heute : Eigene Wohnung, aber keine Hochzeit

Ich wäre überglücklich, mich selbst und meine Träume verwirklichen zu können, wenn ich mir nicht selbst einen Strich durch die Rechnung gemacht hätte. Mein Traum war es, Geschichte, Politologie und Philosophie an der Humboldt-Universität zu studieren, um mich danach als Historiker zu verdingen. Da ich in meiner Selbstüberschätzung die Schule aber nie wirklich ernst nahm, ist der Traum in unerreichbare Ferne gerückt. Die Konsequenzen wurden mir erst bewußt, als ich mit Tränen in den Augen auf meine äußerst schlechten Zeugnisnoten blickte, leider viel zu spät. Nun sehe ich meine Zukunft als Verkäufer, Lagerarbeiter oder Taxifahrer, als hoffnungslosen Fall.

anonym, OBF 83, OSZ Bürowirtschaft & Dienstleistungen

Als Sohn türkischer Eltern lebe ich seit meinem achten Lebensjahr in Berlin. Zur Zeit besuche ich die achte Klasse der Realschule und habe vor, mich leistungsmäßig so zu verbessern, daß ich ins Gymnasium überwechseln kann. Meine Eltern haben in beruflicher Hinsicht hohe Erwartungen an mich, die ich erfüllen möchte. Als ältester von drei Brüdern habe ich eine große Verantwortung, Vorbild für meine Geschwister zu sein. Ich möchte gerne eine gute Ausbildung erhalten, damit ich einen attraktiven Arbeitsplatz bekomme, um meine zukünftige Familie gut ernähren zu können.

Haci Murat Tinni, Kl. 8c, Robert-Bosch-Realschule

Mein größter Wunsch ist es, eine eigene Wohnung zu haben, da ich keine Lust mehr habe, immer das zu machen, was meine Eltern wollen. Wenn ich gerade nicht abwaschen möchte, brauche ich es dann nicht zu machen, da mir das keiner immer wieder sagt. Und dann kann mein Partner so oft bei mir schlafen, wie er möchte, ohne daß ich immer fragen muß: "Darf er bitte, darf er?"Mit Mitte 20 möchte ich mit meinem Partner eine Familie gründen. Wir wünschen uns zwei Kinder, einen Jungen und ein Mädchen. Aber eins wollen wir beide nicht: heiraten. Wenn wir uns nicht mehr vertragen, können wir uns gleich trennen und müssen keine Scheidungskosten bezahlen.

Andrea Zielazny, OBF 83, Oberstufenzentrum 1

Zuerst wollen wir nach dem Studium in unserem Beruf arbeiten und uns eine eigene Existenz aufbauen. Erst wenn diese gesichert ist, frühestens mit 30 Jahren, sollte man Kinder bekommen.

Auf keinen Fall haben wir Angst vor unserer Zukunft - im Gegenteil, wir freuen uns auf das Leben nach der Schule. Das einzige Problem, das wir in der Zukunft sehen, ist die hohe Arbeitslosigkeit. Wer garantiert uns, daß wir überhaupt mal einen Job bekommen, geschweige denn den Job, den wir uns wünschen? Dieses Problem gibt es in Deutschland schon lange, und wir glauben nicht, daß es in vier Jahren ausgeräumt sein wird.

Malena Kretschmann, Alev Aksu, Kl. 9a, C-F-von-Siemens-Gymnasium

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