Zeitung Heute : Eigenheim: Wollen alle immer nur das eine?

Klaus-Dieter Weiss

Die autofreie Siedlung am Ochsenanger in Bamberg hat wenig zu tun mit dem, was Häuslebauer sich in unermüdlicher Abwandlung des ewig Gleichen erträumen. Aber ist das überall ersehnte freistehende Einfamilenhaus der Weisheit letzter Schluss?

Das Bewußtsein um Wohn-, Siedlungs- und Freiraumqualität muss in dem Land schlecht ausgebildet sein, in dem derjenige als am besten behaust gilt, der weit draußen wohnt, zwei bis drei Autos unterhält und vier "Vorgärten" rund um sein "Schloss" nur für die Nachbarn dekoriert - damit er des Neides aller Passanten dank vielfältigster Einblicke in sein Privates sicher sein darf. Luxuriös sind derartige Chalets auf Mini-Grundstücken tatsächlich. Denn dem lebenslänglichen finanziellen Aufwand ihrer Erbauer steht ohne den meist unbezahlbaren Garten in Parkdimension wenig konkreter Wohnwert gegenüber.

Jeder englische Arbeiterhaushalt in den Gartenstädten zu Beginn des 20. Jahrhunderts war qualitativ besser untergebracht. Die Planer verwendeten dort das Stadtbau-Prinzip Reihung, doch das sehr verschleiert. Denn das dem Reihenhaus innewohnende Gesetz von Ökonomie und Serie kollidierte mit ihrem Ziel, malerische Siedlungsbilder zu komponieren. Dennoch bestehen die städtebaulich noch heute überzeugenden, vielfältigen Kompositionen selten aus mehr als vier Grundtypen von Wohnhäusern. Die Ablesbarkeit des einzelnen Hauses im städtebaulichen Verband wurde durch geschickte Variationen der Fassade und der städtebaulichen Addition erschwert. Die Doppelhäuser erwecken - anders als heute üblich - den Eindruck einer einzelnen Villa, Gruppen aus vier und mehr Einheiten täuschen einen größeren Landsitz vor. Selbst Etagenwohnungen verbergen sich mit Hilfe privater Treppenhäuser oder unauffälliger Laubengänge geschickt unter dem Deckmantel einer großbürgerlichen Villa.

Die ökologische Siedlung an der linken Regnitz, nur zweieinhalb Kilometer vom alten Bamberger Rathaus entfernt, mutet zwar nicht wie ihre historischen Vorbilder in England mittelalterlich an. Im Gegenteil, nach der Entscheidung der Wettbewerbsjury hieb die Lokalpresse auf die vermeintlichen "Schuhschachteln" des modernen Bauens munter ein. Aber auch hier ging es den Architekten nicht nur um die unabdingbare Privatheit des Wohnens bis hin zu geschützten Freiräumen vor und hinter dem Haus. Das ungewohnte Bild dieses Wohnens bewirkt die Stadtqualität dieser Einfamilienhäuser. Die Räume außerhalb des privaten Hauses beschränken sich nicht auf Vorgarten und Abstandsgrün, auf Straße und Garage. Das Spektrum des architektonischen Anspruchs ist in Bamberg vielmehr groß: in das Treppengeländer integrierte Bücherregal, der Stadtplatz unter Dachplatanen, die Sitzbank hinter der Tür des kleinen, intensiv nutzbaren Eingangshofs, der großzügige Anger mit seinen Zierapfelbäumen und die zauberhaften Gassen Richtung Stadt und Fluss. Kurz, das technisch-konstruktive Interesse der Architekten war ebenso ausgeprägt wie das städtebaulich-soziale und das architektonisch-ästhetische. Eine seltene Fügung. Vielleicht, weil Bauherren nicht nur in Deutschland immer nur das eine wollen?

Die Gründe für den Erfolg sind ebenso vielfältig wie leicht nachzuvollziehen. Es wurde von der Stadt ein Anspruch formuliert: "Das bezahlbare eigene Haus, kostenbewusst, ökologisch und autofrei." Das geeignete Gelände wurde mit dem innenstadtnahen Grundstück im nordwestlichen Stadtteil Gaustadt innerhalb eines gewachsenen Quartiers bereitgestellt. Eigentlich sah der Bebauungsplan an dieser Stelle Geschosswohnungsbau vor. Kindergarten, Grund- und Hauptschule befinden sich in unmittelbarer Nachbarschaft, die Haltestelle des ÖPNV liegt nur 150 Meter entfernt. Ein Radweg entlang der Regnitz verlockt dazu, sich selbst davon unabhängig zu machen. Das Naherholungsgebiet Erba-Insel liegt in diesem reizvollen stadtlandschaftlichen Kontext unmittelbar gegenüber, auf der anderen Seite des Flusses. Last not least: Es wurde ein EU-offener Realisierungs-Wettbewerb um die beste Idee einer sinnvollen Verdichtung mit Eigenheimen ausgelobt.

Die Architekten hatten außerdem das große Glück, die Fachplaner weitgehend selbst bestimmen zu können. Nur so konnte ein Team zusammenfinden, das rein zielorientiert auch alternative und unkonventionelle Wege in die energetischen Überlegungen mit einbezog. Diese Strategie führte zu einer Kostenersparnis von 170 000 Mark, das sind 20 Prozent Minderkosten der zentralen Energieversorgung gegenüber einer dezentralen. Vom Flächengewinn in jedem Haus gar nicht zu reden. Die Versorgungstechnik reduziert sich auf eine installierte Wand im Erdgeschoss, die Heizzentrale befindet sich im Gemeinschaftshaus. Sie beansprucht mit Gasbrennwertkessel und kleinem gasbetriebenem Blockheizkraftwerk lediglich 15 Quadratmeter.

Als ebenso ökonomisch erwies sich die Entscheidung für eine kompakte Gebäudegeometrie in Holzrahmenkonstruktion mit hochwärmegedämmten Holztafelbauelementen, die den Endpreis von brutto 1885 Mark für den Quadratmeter Wohnfläche ganz wesentlich beeinflusste. Im Vergleich mit der realisierten Dämmstärke von 22 Zentimetern beziehungsweise dem Gesamtquerschnitt der Außenwand von 29 Zentimetern hätten energetisch ebenbürtige konventionelle Ziegelbauten unter Beibehaltung der notwendigen Belichtungsabstände zwischen den Zeilen den Verzicht von fünf Hauseinheiten bedeutet.

Bei aller Sparsamkeit sind die relativ bescheidenen, um die Treppe neutral gelagerten Räume dank Mehrfachorientierung und großzügiger Belichtung sehr gut nutzbar, besonders im Zusammenhang mit Garten (rund 40 Quardratmeter) oder Dachterrasse (rund sechs Quadratmeter). Das nur scheinbar viergeschossige Gemeinschaftshaus im Bootshausstil enthält das vorerst noch verwaiste Car-Sharing-Büro sowie eine Fahrradwerkstatt. Außerdem sind ein Gemeinschaftsraum, eine den Bewohnern des Viertels offen stehende Dachterrasse und zwei Gästezimmer. Die Häuser selber verfügen über Wohnflächen von 73, 100 oder 120 Qudratmetern, verteilt auf drei, vier oder fünf Zimmer. Statt eines Kellers gibt es Ersatzraum im Eingangshof: praktische zusätzliche Abstellfläche auch für das Fahrrad. Diese Räume addieren sich zu einer Reihe am Rand der Siedlung und schirmt diese gegen die Autostellplätze ab.

Mit allen Gemeinschaftsflächen und -räumen, jedoch ohne das lediglich in Erbpacht erworbene private Grundstück (114 bis 132 Quadratmeter groß) lagen die Kaufpreise zwischen 271 000 Mark für das 3-Zimmerhaus und 363 000 Mark für das 5-Zimmerhaus. Die Anforderungen der Wärmeschutzverordnung werden je nach Lage der Hauseinheit um 25 bis 32 Prozent unterschritten. Diese Rahmenbedingungen und der Umstand, dass man das Auto nicht braucht, sorgen für ein sehr ökonomisches, ökologisches und räumlich hocheffizientes Wohnen.

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