Zeitung Heute : Ein Airport macht den Abflug

Flughafengesellschaft München hilft beim Umzug von Tegel nach Schönefeld

Umzug bedeutet Stress. Selbst wenn der Hausrat klein ist, muss meist sorgfältig geplant werden. Was kann schon vorher eingepackt werden? Was braucht man noch unbedingt bis zum Umzugstag? Ist die neue Wohnung auch wirklich schon bezugsfähig? Was schon im Kleinen ein Problem werden kann, ist bei einem großen Umzug erst recht eine Herausforderung. Vor allem, wenn es kaum Erfahrungen gibt. Wie bei einem Flughafen. Deshalb wird der Umzug zum neuen Flughafen in Schönefeld schon heute minutiös vorbereitet.

In der Nacht auf den 30. Oktober 2011 soll es sogar einen Doppelumzug geben: von Schönefeld alt nach Schönefeld neu – und von Tegel nach Schönefeld neu. Fünf Stunden Zeit bleiben, um gleich zwei Flughäfen zu verlagern. Das dürfte bisher weltweit wohl einmalig sein.

In Deutschland hat es München 1992 erfolgreich vorgemacht. Und die Münchener sind auch jetzt in Berlin wieder dabei und organisieren den Umzug. In einer Nacht waren sie damals vom innerstädtischen Flughafen Riem ins rund 40 Kilometer entfernte Erdinger Moos auf den Franz-Josef-Strauß-Flughafen gezogen – und am folgenden Tag starteten und landeten die Flugzeuge, als hätte man es dort schon immer so gemacht.

Ihre Erfahrung haben die Münchener seither mehrfach weitergegeben und unter anderem die Umzüge der Flughäfen in Athen und Bangkok organisiert. Aktuell bereiten sie den Standortwechsel auf den neuen Flughafen in Doha vor. Mit diesem ungewöhnlichen Geschäftszweig, zu dem auch die Inbetriebnahme von Terminals auf vorhandenen Flughäfen gehört, macht die Flughafengesellschaft in München inzwischen jährlich einen Umsatz vor rund acht Millionen Euro. Vier bis fünf Mitarbeiter werden für den Bereich „Operational Readiness and Airport Transfer (Orat)“ in der Regel abgeordnet.

Einige von den „alten Hasen“, die den Umzug 1992 mitgemacht haben, seien immer noch dabei, sagte der für Verkehr und Technik zuständige Geschäftsführer Thomas Weyer. Unter seiner Leitung arbeiten die Umzugsexperten. Er selbst kam erst 2008 nach München. Dafür kennt er die Berliner Flughäfen bestens – Weyer war vor seinem Wechsel nach München vier Jahre Geschäftsführer bei der Berliner Flughafengesellschaft. Den Auftrag für Berlin haben sich die Münchener über eine Ausschreibung geholt.

Zur Umzugsplanung gehört auch der Probebetrieb auf dem neuen Flughafen. „Klar ist, umziehen können wir nur, wenn sichergestellt ist, dass die technischen Systeme am neuen Standort reibungslos funktionieren“, sagte Weyer. Entscheidend dabei sei die Gepäckförderanlage. Ein Desaster wie etwa in Denver, wo das 1993 in Betrieb genommene System erst nach fast eineinhalb Jahren zum Laufen kam, soll sich nicht wiederholen. Und auch die Panne mit den sich stapelnden Gepäckstücken nach der Inbetriebnahme eines neuen Terminals auf dem Flughafen London-Heathrow im Jahr 2008 spuckt noch in den Köpfen herum.

Um Ähnliches in Schönefeld zu vermeiden, wird spätestens ab Mai 2011 geübt, geübt und nochmals geübt. „Bis zu 9000 Komparsen werden mit rund 12 000 Koffern an zwei Tagen die Woche den neuen Flughafen auf Herz und Nieren prüfen“, sagte Manfred Körtgen, Geschäftsführer Betrieb/BBI der Berliner Flughäfen. Die Szenarien reichten vom Check-in über die Abfertigung einer Spitzenstunde bis hin zu Evakuierungsübungen. Um testen zu können, ob sich auch ausländische Passagiere zurechtfinden, wird erwogen, die Übungen teilweise mit Besuchern der Stadt zu machen.

Zudem muss das Personal geschult werden. Vor allem hier hatte es in Heathrow Probleme gegeben, weil die Mitarbeiter ihre neuen Wege im neuen Terminal nicht kannten. Mindestens ein halbes Jahr Vorlaufzeit brauche man deshalb, sagte Weyer.

Sind die Proben erfolgreich, kann der Umzug stattfinden. Nach einem genauen Plan, damit es kein Durcheinander gibt. Es gibt Vorgaben, wann was an welchem Ort auf welchen Laster geladen und wo diese dann später entladen werden. Die großen Geräte wie die Treppen zum Einsteigen in die Flugzeuge, die Fahrzeuge für das Vorfeld, die Flugzeuge schleppen, die Enteisungsfahrzeuge, die ebenfalls bis zur letzten Betriebsminute in Tegel bleiben müssen, weil es zum vorgesehenen Termin Ende Oktober schon Frost geben kann, und die Feuerwehren fahren in einem Konvoi über die Stadtautobahn. Dazu wird mindestens eine Spur gesperrt.

Und um den Umzug nicht aufzuhalten, wird die Stadtentwicklungsverwaltung die Rudolf-Wissel-Brücke erst sanieren lassen, wenn der Flugbetrieb in Tegel Geschichte sein wird.

Weyer bekommt selbst zu spüren, ob seine Mitarbeiter in Berlin gute Arbeit geleistet haben. Weil seine Kinder weiter in Potsdam auf die Schule gehen, wohnt er noch in Kleinmachnow und fliegt deshalb regelmäßig zwischen Berlin und München hin und her. Wehe, das klappt nach der Eröffnung dann nicht!

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