Zeitung Heute : Ein Alien kommt selten allein

Daniela Sannwald

Hama Maiku, so der Name des Titelhelden im Original, ist eine japanische Version von Mike Hammer, dem von Mickey Spillane erfundenen Privatdetektiv. Und der "Wald ohne Namen" ist eine Variante des "Zauberbergs". Shinji Aoyamas neuer Film erzählt eher eine nachdenkliche Weltflucht- als eine rasante Private-Eye-Geschichte - unter Verwendung des milden Lichts und der weiten, aber verwirrenden Totalen des von Aoyama bevorzugten Kameramannes Masaki Tamura.

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Mildes Licht passt zu dem Erholungsheim im Wald, aus der Yokohama Mike die Tochter eines reichen Industriellen abholen und nach Hause zurückbringen soll. Die junge Frau hat sich freiwillig dorthin begeben und will nun nicht wieder weg. Ein Routineauftrag für Mike, der jedoch schon beim ersten Anblick des ein wenig an eine protestantische Tagungsstätte erinnernden Hauses und seiner sanften, strengen Leiterin einer Faszination erliegt, die ihn nicht mehr loslassen wird. Je mehr er sich zwischen den namenlosen, somnambulen Gestalten in Trainingsanzügen einlebt, desto weniger denkt er an die Erfüllung seines Auftrags, erst recht, nachdem Frau Doktor ihm mitgeteilt hat, dass ein bestimmter Baum im Wald Ähnlichkeiten mit ihm habe.

Die Welt, die Mike verlässt, ist von Brutalität, Habgier und Dumpfheit geprägt, Eigenschaften, denen die monströse, urbane Architektur der ersten Szenen entspricht. Mike selbst mit seinem spätpunkartigen, schreienden Outfit in Schwarz und Rot, seinen riesigen weißen Schuhen und der gelb getönten Brille wirkt neben den mit Nummern versehenen, in Pastelltöne gekleideten Anstaltsinsassen wie ein Alien, aber schnell merkt er, dass er einfach nur dazugehören möchte. Und so bringt ihn ein Tagesausflug im Wald - ähnlich wie Thomas Manns Helden Hans Castorp eine Wanderung im Schnee - zu der Überzeugung, dass er bleiben will. Für immer.

Aoyamas Film ist der erste Teil einer Fernsehserie über Yokohama Mike, deren einzelne Episoden jeweils von anderen namhaften Regisseuren inszeniert werden sollen. Aoyama, dessen großartiges, international gefeiertes Breitwand-Epos "Eureka" von der Realitätsflucht als Folge einer traumatischen Erfahrung erzählte, ist beim Thema geblieben: Immer noch schaffen die Totalen keine Übersicht, immer noch laden die Figuren nicht zur Identifikation ein - zwei Charakteristika, die diesen merkwürdigen, rätselhaften Film für das Fernsehen eher ungeeignet erscheinen lassen. Also, auf ins Kino!

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