Zeitung Heute : Ein amerikanischer Schurkenstaat

Der Tagesspiegel

Von Malte Lehming

Texas ist ein Schurkenstaat. Dort werden zwar keine Terroristen herangezüchtet oder Massenvernichtungswaffen gebastelt, aber in die Fänge der texanischen Justiz zu geraten, ist buchstäblich lebensgefährlich. Das jüngste Urteil gegen Andrea Yates ist ein Skandal. Die fünffache Mutter, die im vergangenen Jahr ihre Kinder in der Badewanne ertränkt hatte, war psychisch schwer krank. Aber das zählt in Texas nicht. Weil es Anhaltspunkte dafür gab, dass sie in einem ganz vagen Sinne wusste, etwas Verbotenes zu tun, wurde sie für schuldig befunden. Und was das Schlimmste ist: Die Geschworenen trifft die geringste Kritik, denn so sind die Gesetze in Texas.

Das war einmal anders. Die meisten US-Bundesstaaten, inklusive Texas, hatten in den siebziger Jahren vernünftige Kriterien für Geisteskrankheit formuliert. Demzufolge kann keiner schuldig gesprochen werden, der zur Tatzeit unfähig war, ein rationales Urteil über seine Handlung zu fällen. Wer sich dermaßen vom Satan besessen wähnt wie Andrea Yates, kann zwar wissen, dass er ein Verbrechen begeht, aber sich trotzdem zur Tat genötigt fühlen. Dann jedoch, im Jahre 1981, verübte ein Geisteskranker namens John Hinckley ein Attentat auf Präsident Ronald Reagan. Hinckley wurde auf Grund seiner Geisteskrankheit für unschuldig erklärt. Der Bundesstaat machte daraufhin die Liberalisierung prompt wieder rückgängig.

Jetzt droht Andrea Yates die Todesstrafe. Und auch in dieser Beziehung bildet Texas die beklagenswerte Ausnahme vom Trend. In ganz Amerika wächst der Widerstand gegen diese Strafe. In Georgia wurde Ende Februar ein Mörder begnadigt, der geistig behindert ist. Der republikanische Gouverneur von Illinois hat Anfang der Woche angekündigt, alle 159 Fälle jener Inhaftierten zu überprüfen, die im Todestrakt sitzen. Wahrscheinlich wird er alle Urteile in lebenslänglich umwandeln. Vor zwei Jahren bereits hatte er ein Moratorium auf die Vollstreckungen verhängt. Selbst das Oberste US-Gericht befasst sich wieder mit dem Thema. Die Hoffnung besteht, dass zumindest die Hinrichtung von Geisteskranken demnächst für verfassungswidrig erklärt wird.

Noch ist das Strafmaß für Andrea Yates nicht festgesetzt. Falls die Geschworenen ihr den elektrischen Stuhl ersparen sollten, muss sie allerdings, statt in medizinische Behandlung, für mindestens vierzig Jahre hinter Gitter. Vorzeitig begnadigt werden kann sie nicht. Dass dieser Frau, abgesehen von ihren Wahnvorstellungen, jedes Motiv für das Verbrechen gefehlt hat, schert die Justiz in Texas nicht. Dort tummeln sich Puristen, die „das Böse“ bekämpfen. Vielleicht ist es an der Zeit, dass das Auswärtige Amt alle Reisenden vor einem Besuch in dieser unwirtlichen Region warnt.

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