Zeitung Heute : Ein amerikanisches Mahnmal: Gedenken, Glanz und Gloria

Malte Lehming

Ein Ort der Andacht ist das nicht. Hochhausfassaden bilden die kalte Kulisse, der Verkehr rauscht direkt vorbei. Trotzdem flüstern die meisten Besucher, ein seltsamer Reflex. Manchmal, wenn zwei Menschen alleine in einer abgelegenen Kapelle sind, reden sie auch nur leise miteinander, obwohl sie ja niemanden stören.

Doch auf diesem winzigen Platz - etwa 500 Meter vom Hauptbahnhof der US-Hauptstadt und 600 Meter vom Kapitol entfernt - ist es an diesem Wochenende besonders ruhig. Vielleicht weil die Glocke fehlt. Sie soll einen tiefen, eindringlichen Ton erzeugt haben, der lange nachhallt. Einen Tag zuvor hing sie in Augenhöhe an einem Aluminiumrohr. Mit einem Klöppel konnte sie jeder Besucher in Gang setzen. Vermutlich wurde die Glocke geklaut, extra bewacht wird die Gegend wohl nicht.

Befehl Nummer 9006

Am Freitag, als das Denkmal von einigen Kongress-Abgeordneten und etwa hundert japanischstämmigen Frauen und Männern eingeweiht wurde, war sie noch da. Außerdem spielt sie in dem Gedenk-Ensemble eine wichtige Rolle. Denn ihr langsam schwächer werdendes Nachklingen soll das Wesen der Trauer symbolisieren.

Am 19. Februar 1942, genau 73 Tage, nachdem die Vereinigten Staaten in den Zweiten Weltkrieg gezogen waren, unterzeichnete Präsident Franklin D. Roosevelt den Befehl mit der Nummer 9006. Vor allem der Überfall auf Pearl Harbor hatte ihn misstrauisch gemacht. Ohne Ansehen der Person verdächtigte er alle japanischstämmigen Amerikaner der Illoyalität. Aufgrund des Präsidentenbefehls wurden in den folgenden Monaten 120 000 japanischstämmige Amerikaner mehr als drei Jahre lang interniert. In sieben westlichen Bundesstaaten wurden eiligst zehn Camps gebaut, mit Stacheldraht umzäunt und bewacht.

"Wir sprechen niemals darüber, niemals", sagt der 76-jährige George Oye, der mit seiner gleichaltrigen Frau Aster aus einer kleinen Stadt in Colorado zur Eröffnung des Denkmals angereist ist. Beide waren während des Zweiten Weltkriegs interniert - auf Anordung ihres eigenen Präsidenten. Es ist gut, dass es dieses Denkmal gibt, sagt er, damit andere Menschen von dem Leid erfahren. "Aber wir selbst reden nicht darüber. Vielleicht ist es besser so."

Erst 1983 wurden die Zwangsinternierungen von der amerikanischen Regierung als Unrecht anerkannt. Fünf Jahre später entschuldigte sich Präsident Ronald Reagan offiziell; einige Opfer bekamen eine kleine Entschädigung. Allgemein bekannt ist das Staatsverbrechen dennoch bis heute nicht.

Nun gedenkt Amerika der Opfer mit einem Denkmal, das bizarrerweise "Japanese American Memorial to Patriotism During World War II" heißt. Entscheidend ist das Wort "Patriotismus". Am Anfang kommt der Besucher auf einen Platz. In der Mitte steht eine goldene Bronze mit zwei Kranichen, die versuchen, sich aus einem Stacheldrahtgewirr zu befreien. Drumherum in einem offenen Halbkreis stehen Granittafeln, auf denen die Orte der Lager und die Zahl der Internierten zu lesen sind. So weit zum Gedenken. Ein Stück weiter folgt eine weitere große Granitplatte. Auf ihr sind die Namen von etwa 800 japanischstämmigen Amerikanern eingraviert, die an der Seite der Alliierten gekämpft und für die gute Sache ihr Leben gelassen hatten. Auf diese Weise hält sich das Gedenken an die Opfer mit der Ehrung der Helden die Waage.

Auf einem der Steine kommt sogar Mike M. Masaoka zu Wort, ein japanischstämmiger Amerikaner, der die Internierungen befürwortet hatte. "Ich glaube an diese Nation, an ihre Ideale und Traditionen. Ich bin stolz auf ihre Geschichte, und ich vertraue auf ihre Zukunft." Einige Opfer hatten sich gegen dieses Zitat gewehrt wie überhaupt dagegen, dass Masaoka ein Teil des Denkmals wird. Vergeblich. Jetzt ist für alle etwas dabei: viel Glanz und Gloria, ein bisschen Zerknirschung sowie etwas Stolz, aus der Vergangenheit gelernt zu haben. Bestimmt findet sich bald auch die Glocke wieder.

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