Zeitung Heute : Ein Angeklagter ohne Zweifel

Er erschoss den holländischen Politiker Pim Fortuyn. Jetzt steht er vor Gericht: geständig, kühl und ohne Reue

Klaus Bachmann[Amsterdam]

Am Abend vor dem Anschlag hat er wie immer seine kleine Tochter zu Bett gebracht, dann ging er selber schlafen. Die Waffe auf dem Speicher hatte Volkert van der Graaf schon vor Jahren in einer Kneipe gekauft. Jetzt verstaut er sie in seinem Rucksack, zusammen mit einer Schirmmütze, Handschuhen, einem Reinigungsmittel und einer Plastiktüte. Dann fährt er zur Arbeit, ins Büro seiner Tierschutz-Kooperative. Den Nachmittag nimmt er sich frei, macht Einkäufe und fährt schließlich mit seinem roten Kleinwagen nach Hilversum. Dort sollte Pim Fortuyn am 6. Mai 2002 zwischen 16 und 18 Uhr ein Radio-Interview geben. Danach, so der Plan van der Graafs, würde er den holländischen Politiker erschießen.

Selbst ernannter Rächer

Der Entschluss, den aufstrebenden Rechtspopulisten und bekennenden Homosexuellen Pim Fortuyn umzubringen, sei wochenlang in ihm gereift, sagt der 33-Jährige, der sich nun, zehn Monate nach dem Mord, vor Gericht verantworten muss. Der „fremdenfeindliche“ Fortuyn habe „verletzbare Gruppen herausgegriffen und sie zum Sündenbock gemacht, um politisches Kapital herauszuschlagen“, begründet van der Graaf seine Tat. Fast kahl geschoren, mit rötlichem Gesicht, emotionslos, aber höflich sitzt er dem Richter gegenüber und gibt Auskunft über seine Motive – ganz so, als analysiere er das Verhalten eines anderen. Distanziert, kühl, mit Liebe fürs Detail. Einen Meter habe er hinter Fortuyn auf dem Parkplatz des Mediapark Hilversum gestanden, als er seinem Opfer in den Oberkörper schoss. Sechs Schüsse, fünf Treffer in Kopf, Brust und Lunge. Fortuyn sei sofort zusammengebrochen.

Nein, Volkert van der Graaf hat Pim Fortuyn nicht gehasst, aber er bereut es auch nicht, ihn getötet zu haben. Ein ums andere Mal mühen sich Staatsanwalt und Richter, die Gefühle zu begreifen, die den jungen Mann während seiner Tat bewegt haben mögen. Doch mehr als ein Eingeständnis des Angeklagten, er sei „mit der moralischen Beurteilung noch nicht fertig“, fördern sie nicht zu Tage. Graaf hat sich selbst eine Aufgabe gestellt und sie gelöst: die Schwachen im Lande – seien es nun Frührentner oder Muslime – vor Fortuyn, der sie an den Pranger stellen wollte, zu schützen.

Kein Wort über das Opfer. Wenn er etwas bereue, dann die politischen Folgen der Tat und die Konsequenzen für sein Kind und seine Freundin. Die „Liste Pim Fortuyn“ ist nach dem Mord als zweitstärkste Kraft ins niederländische Parlament eingezogen. Doch die mit Christdemokraten und Liberalen gegründete Regierung hielt nicht mal 100 Tage.

„Haben Sie nicht daran gedacht, das Problem anders zu lösen? Eine Partei zu gründen, Leserbriefe zu schreiben, andere gegen Fortuyn zu mobilisieren?“, will der Richter wissen. Van der Graaf: „So funktioniere ich nicht.“ Der Richter: „Aus dem Schluss, dass Fortuyns Tod die einzige Lösung war, musste ja nicht folgen, dass sie es selbst tun.“ Van der Graaf: „Wenn ich etwas erkenne, muss ich auch danach handeln.“

Ein Herz für Ameisen und Fliegen

Auf sein Verantwortungsgefühl lässt van der Graaf nichts kommen. Als der Staatsanwalt ihm Feigheit vorwirft, weil er nach der Tat zu fliehen versuchte, statt die Verantwortung auf sich zu nehmen, wird der Angeklagte zum ersten Mal ungeduldig: „Ich habe auch Verantwortung für mein Kind und meine Partnerin.“ Dass es damit nun vorbei ist, scheint ihm noch nicht aufgegangen zu sein. „Mein Beruf ist es, Akten zu analysieren“, sagt er, als könnte er nach der Gerichtsverhandlung einfach in sein Büro zurückgehen und den nächsten Prozess gegen einen Umweltsünder vorbereiten.

Schon als Jugendlicher rettete van der Graaf Fliegen vor Fliegenfängern oder baute Fluchtwege für Ameisen. Mit 23 gründete er die Tierschutz-Kooperative, für die er bis zum Attentat arbeitete. Die Kooperative überwacht die Massentierhaltung in Holland und hat von 2000 Prozessen drei Viertel gewonnen. „Gesetz ist Gesetz, und das muss befolgt werden“ – das war sein Credo.

Das Attentat hat er mit ähnlicher Entschlossenheit begangen. Moralische Zweifel scheinen ihm fremd zu sein. Auf dem Parkplatz kurz vor der Tat habe er den Revolver genommen „und das Gehirn auf null geschaltet“. Ist van der Graaf ein kalt berechnender Killer, der sich den Auftrag selbst erteilt hat? Aber dazu will dann wieder die Flucht nicht passen: Hals über Kopf, ohne Plan. Nach den Schüssen stürmt er einfach los, zu Fuß, statt mit dem in der Nähe geparkten Wagen, und versucht erst gar nicht, sich der Waffe zu entledigen. Unverständlich findet das der Staatsanwalt – bei einem Mann, der sonst nichts dem Zufall überlässt.

Als van der Graaf fünf Minuten nach der Tat festgenommen wird, ist noch eine Kugel im Lauf der Pistole. War sie für ihn selbst bestimmt? Oder hatte er noch andere Pläne? Da sind die Chemikalien, die in seiner Garage gefunden wurden, Anleitungen zum Bombenbasteln, ein primitiver Zeitzünder, Adressen anderer Führungsmitglieder der „Liste Pim Fortuyn“. Stoff genug für Verschwörungstheorien.

Die Tat mag kriminalistisch aufgeklärt sein, verständlicher ist sie nicht geworden. Das Urteil wird in zwei Wochen erwartet.

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