Zeitung Heute : Ein Anschlag auf die Normalität

Sie werden bewacht wie im Hochsicherheitstrakt. Zum ersten Mal seit dem Attentat von 1972 wohnen israelische Sportler im Olympischen Dorf. Damals wurden in München elf Athleten von arabischen Terroristen überfallen und ermordet. Die Toten sind auch heute allgegenwärtig.

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Von Jörg Schallenberg,

München

War das jetzt eine dumme Frage? Ob Nili Avramski eben während des 10000-Meter-Laufs auch an die Opfer von 1972 gedacht hat, lautete sie. Und nun steht die zierliche israelische Langstreckenläuferin da und schaut einen mitleidig lächelnd an. Sekundenlang. Dann hebt sie beide Hände und dreht die Handflächen langsam nach vorn. „72" steht in blauer Schrift in der linken, „11" in der rechten, leicht verlaufen von Schweiß und Regen, aber deutlich sichtbar. „72", das bedeutet natürlich 1972, das Jahr, in dem die Olympischen Spiele hier im Münchner Olympiastadion stattfanden, und „11“, das ist die Zahl der israelischen Sportler, die damals von arabischen Terroristen ermordet wurden. Natürlich hat Nili Avramski an sie gedacht.

Wie könnte es anders sein, wenn sie an diesen Ort kommt, um an einer Leichtathletik-Europameisterschaft teilzunehmen? Die Sportler in ihren Trainingsanzügen; die entspannten, aber dennoch enthusiastischen Fans und die hektischen Journalisten auf den Tribünen; die Eröffnungsfeier, bei der Abgesandte jeder Mannschaft hinter der Landesfahne auf die Tartanbahn schreiten und Kinder bunte Tücher schwenken; die im Gegensatz zu Fußballspielen nicht mal im Ansatz aggressive Begeisterung, die schon bei den ersten Vorläufen aus dem weit geschwungenen Rund in den Innenraum schwappt – all das lässt das Gehirn sofort die so bekannten Bilder von 1972 projizieren. Da sind die Erinnerungen an die heiteren Spiele im wunderbaren, offenen Olympiastadion mit seinem märchenhaften Zeltdach. Und da sind die anderen Bilder.

Verlässt man das Stadion am nördlichen Eingang und geht dann unter dem äußersten Zipfel des Daches die Hanns-Braun-Brücke entlang über den Mittleren Ring, ragt rechter Hand das vierzylindrige BMW-Gebäude aus den Regenschleiern dieses Tages empor. Ein paar Meter weiter sieht man zwischen den Bäumen die ersten Häuser des Olympischen Dorfs mit ihren terrassenförmigen Balkonfronten. Hier, rechts runter und quer über die Wiese, sind vor dreißig Jahren wohl auch André Spitzer und die zehn anderen lang gelaufen, dann noch um die Ecke durch die Parkgarage zum Eingang des Hauses Connollystraße 31. Dort, keine zehn Minuten Fußweg vom Stadion entfernt, war das Quartier der israelischen Mannschaft, in dem die Elf am Morgen des 5.September 1972 überfallen und als Geiseln genommen wurden. Während einer völlig missglückten Befreiungsaktion auf dem Militärflughafen Fürstenfeldbruck wurden sie von ihren Entführern umgebracht.

Die Polizei ist verstimmt

Jetzt, zur Leichtathletik-Europameisterschaft 2002, wohnen erstmals wieder Sportler im Olympischen Dorf, in dem sonst Studenten untergebracht sind. Die Connollystraße gehört allerdings nicht zum Quartier der Athleten, es sind ja nur halb so viele Teilnehmer angereist wie einst zu Olympia. Aber der Stacheldrahtzaun beginnt gleich nebenan. Das Athletendorf, wie es nun genannt wird, ist abgeschottet wie ein Hochsicherheitstrakt, Polizisten und Bundesgrenzschützer mit Maschinenpistolen halten Wache an den Eingängen und patrouillieren auf den Wegen, Hubschrauber kreisen ständig über dem Olympiapark. Der Grund für die außerordentlichen Sicherheitsvorkehrungen liegt, wie Polizeisprecher Peter Reichl leicht verstimmt anmerkt, ausschließlich in der Anwesenheit der israelischen Mannschaft im Dorf. Die Organisatoren hatten den Israelis ein Ausweichquartier angeboten, doch die Delegation lehnte ab. Jack Cohen, der Generalsekretär des israelischen Leichtathletik-Verbands, legt Wert darauf, „dass wir als eine ganz normale Mannschaft behandelt werden. Wir freuen uns, dass der europäische Verband uns die Möglichkeit gibt teilzunehmen, aber gerade deshalb wollen wir zusammen mit den anderen Athleten leben und wohnen und nicht besonders oder bevorzugt behandelt werden.“

Doch die ersehnte Normalität hat ihre Grenzen. Wenn Hochspringer Konstantin Matusevich, Sprinter Alex Pokhomorvsky oder Langstreckenläuferin Nili Avramski in die so genannte Mixed Zone kommen, in der sich Journalisten und Sportler nach dem Wettkampf treffen, dann steht neben ihnen immer ein aufmerksamer Herr in Zivil, der eine grüne Polizei-Akkreditierung um den Hals und eine Waffe unter der Achsel trägt. Jeder israelische Sportler ist in München in jeder Minute bewacht. Im Gegensatz etwa zu manchen deutschen Leichtathleten findet Nili Avramski aber weder die strengen Kontrollen im Athletendorf noch ihren persönlichen Schatten störend. Im Gegenteil, ihre wachen, braungrünen Augen hinter der Brille blitzen herausfordernd, wenn sie über ihn spricht: „Es ist doch fast eine Ehre, so beschützt zu werden, oder?“ Das klingt keine Spur ironisch oder sarkastisch, kampflustig. Dann aber wird sie ernst: „Ich bin sehr dankbar für die Sicherheitsmaßnahmen. Man merkt, dass die Deutschen von 1972 gelernt haben. Sie geben sich alle Mühe, damit nichts passiert, und trotzdem fallen sie uns nicht zu sehr auf die Nerven.“

Eine Bewachung, die sonst höchstens ranghohen Politikern zuteil wird,scheint für Nili Avramski normal zu sein, und es wird klar, dass der Begriff „Normalität“ für sie etwas ganz anderes bedeutet als für die meisten ihrer Kollegen. Was wenig verwundert, wenn auch während dieser Europameisterschaften Tag für Tag von neuen Anschlägen und Vergeltungszügen aus ihrer Heimat berichtet wird, die sich längst im Kriegszustand befindet, auch wenn ihn niemand verkündet hat. „Es ist schwierig“, sagt Nili Avramski, „bei dieser Lage nicht verrückt zu werden. Gerade deshalb sehnen sich die Leute in Israel aber nach Bildern und Berichten von ganz normalen Ereignissen wie so einer Sportveranstaltung. Wenigstens eine gute Nachricht am Tag.“ Und dann ist es auch nicht mehr entscheidend, dass die Israelis, wie Nili Avramski im 10000-Meter-Lauf, oft als Letzte ins Ziel kommen. Entscheidend ist die Wirkung: zu sehen, dass israelische Sportler neben Franzosen, Russen, Italienern und Briten antreten, dass sie teilhaben an den lockeren, bunten, leichten Spielen der Jugend der Welt, wie Verbandsfunktionäre in ihren Reden gerne schwadronieren. Im Jahr 2002 in München bekommen diese Worte ihren Sinn zurück.

Aber das ist eben nur ein Teil jener Mission, die das israelische Team in München erfüllt. Der andere, das stellt Verbandschef Jack Cohen klar, betrifft 1972: „Wir führen das zu Ende, was die Sportler damals begonnen haben, aber nicht beenden konnten. Wir knüpfen direkt an das an, was sie getan haben, so gesehen ist das hier ein historischer Auftrag. Auch deshalb war es uns wichtig, dort zu wohnen, wo sie gewohnt haben. Wir müssen uns nicht verstecken, vor niemandem.“ Cohen leidet sichtlich, wenn seine Leute in den Wettbewerben immer den anderen hinterherlaufen. Und weil er so am Sport hängt, haben sich die Bilder von 1972 unauslöschlich in seinem Kopf eingebrannt. Damals saß er als Zwölfjähriger fassungslos zu Hause in Tel Aviv vor dem Fernseher, nun ist er stolz, das israelische Team nach München zu führen, um selbst einen Teil dieses Traumas zu bewältigen. Die kollektiven Sporterinnerungen Israels, das lernt man aus dem Gespräch mit Cohen, bestehen nicht aus Siegen und Niederlagen und unvergesslichen Szenen wie dem 1954er WM-Sieg-„Tooor! Tooor! Tooor!“ eines Helmut Rahn, sondern aus Bildern von ausgebrannten Hubschraubern auf einem Flugplatz, der von ein paar Polizeischeinwerfern in ein gespenstisches Halbdunkel getaucht wird.

Kein Geld für die Angehörigen

Die Ereignisse von 1972 hatten ein unrühmliches Nachspiel, das bis heute wirkt. Zwanzig Jahre lang versicherten deutsche Behörden den Angehörigen der Opfer, dass es keine Untersuchung der Vorfälle von damals gegeben habe – bis 1992 ein (immer noch unbekannter) Deutscher ein paar Ordner voller Ermittlungsakten nach Israel schmuggelte. Auch beim folgenden Schadensersatzprozess verschwanden immer wieder Dokumente, die Ansprüche von Witwen und Halbwaisen wurden schließlich abgelehnt, obwohl der Befreiungsversuch in Fürstenfeldbruck so überhastet und dilettantisch war, wie man es allenfalls den Sicherheitskräften eines Entwicklungslands zutrauen würde. Mittlerweile wollen der Bund, das Land Bayern und die Stadt München insgesamt drei Millionen Euro für die Angehörigen zur Verfügung stellen. Ankie Spitzer, die Witwe des ermordeten Fechttrainers André Spitzer und Sprecherin der Angehörigen, ist bis heute verbittert über die Haltung der Behörden: „Man hat uns jahrelang belogen. Bis heute hat niemand eine Verantwortung für die Aktion übernommen. Es soll endlich jemand aufstehen und sagen: Ja, wir haben versagt.“

Deshalb wird sie am Sonntag nicht nach München kommen, wenn die israelische Mannschaft von heute der Opfer von damals gedenken wird. Andere Angehörige und Sportler wie die Hürdenläuferin Esther Roth, die 1972 bei Olympia dabei war, werden da sein. Auch Nili Avramski will zur Feier ins Olympischen Dorf gehen, obwohl die Europameisterschaften für sie bereits beendet sind: „Das bin ich den getöteten Sportlern schuldig. Ich habe sie immer im Kopf und im Herzen.“ Dann verschwindet sie in die Katakomben des Olympiastadions, zum Abschied winkt sie mit der rechten Hand, und für einen winzigen Moment leuchtet noch einmal die Zahl „11“ darin auf.

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