Zeitung Heute : Ein Anwalt für die Erde

Zu wenig Geld und kein Telefon. „Was für ein Mist“, dachte Klaus Töpfer anfangs, als er seinen Posten bei den UN in Nairobi antrat. Die Unep ist eine Ein-Mann-Show. Jetzt reist der oberste Umweltschützer nach Johannesburg, um zu zeigen: Umweltpolitik ist Friedenspolitik.

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Von Dagmar Dehmer

Resignieren ist nicht erlaubt. Das sagt sich Klaus Töpfer immer, wenn er vor der Größe seiner Aufgabe ab und zu selbst erschrickt. Vor zwei Jahren war er schon einmal beinahe am Ende. Wegen einer schweren Herzkrankheit musste er operiert werden, seine Chancen, wieder aufzuwachen lagen unter 50 Prozent. Er ist wieder aufgewacht. Und reiste mit weichen Knien und fahlem Gesicht im Herbst 2000 nach Den Haag zur Klimakonferenz. Dort hätte der entscheidende Durchbruch geschafft werden sollen, damit das Klimaschutz-Abkommen von Kyoto endlich umgesetzt werden kann. Als der Gipfel scheiterte, war es Klaus Töpfer, der immer noch Optimismus verbreitete. Er war damals ein Schatten seiner selbst – und zeigte trotzdem echte Kämpferqualitäten. Ein halbes Jahr später sah er fast schon wieder gesund aus und versprach seinen alten Freunden, dass an Weihnachten 2001 eine wichtige Töpfersche Tradition wieder aufleben würde: das Gans-Essen mit anschließendem Skatspiel bis tief in die Nacht. Da wussten seine Vertrauten, dass mit Töpfer wieder zu rechnen ist.

Seit 1998 ist der 64-Jährige Exekutivdirektor des Umweltprogramms der Vereinten Nationen (Unep). Eben erst, in diesem Frühjahr, trat er seine zweite Amtszeit in Nairobi an. Dabei ist der Posten alles andere als ein Traumjob. Der oberste Umweltschützer der UN verfügt über einen lächerlich geringen Etat von rund 60 Millionen US-Dollar und nicht einmal 800 Mitarbeiter weltweit – allein das deutsche Umweltbundesamt beschäftigt mehr als 1200 Fachleute und hat viel mehr Geld. Und dann hat das Unep seinen Sitz auch noch in Nairobi, einer Dritte-Welt-Metropole. In der kenianischen Hauptstadt hat Klaus Töpfer all die Probleme vor der Tür, für die er immer nach Lösungen gesucht hat. Allerdings geht er besser nicht vor die Tür. „Das Leben in Nairobi hat meinen Blick auf die Welt verändert“, sagt der Unep-Chef nachdenklich. Am meisten beeindruckt hat ihn die Tatsache, „dass Sicherheit kein öffentliches Gut ist“. Wer dafür bezahlen könne, „lebt hinter hohen Mauern“ und beschäftigt Wachleute zum eigenen Schutz. Auch in der Wohnanlage, in der Töpfer lebt, wenn er in Nairobi ist, ist das so. Wenn er bei einem seiner vielen Besuche in Deutschland seine Landsleute klagen hört, sie fühlten sich in Berlin oder in Saarbrücken, wo seine Frau und seine Kinder wohnen, nicht sicher, kann Töpfer nur milde lächeln. „Nairobi ist ein Augenöffner“, sagt er und rutscht wie immer ungeduldig auf dem Stuhl hin und her.

In seinen ersten Monaten als Unep-Chef half Klaus Töpfer nur sein legendärer Optimismus. In der „Tageszeitung“ sagte er kürzlich: „Ich hatte kein Telefon, keine Zeitung, kein Geld. Ich konnte kein Englisch und dachte: Was für ein Mist ist das.“ Inzwischen gibt es ein Telefon, aber Töpfer ist ja nie da. Wenn man ihn fragt, wann er zuletzt in seinem eigenen Bett geschlafen hat, legt er seine Stirn in Falten und muss erst einmal nachdenken. Zumal er manchmal einfach gar nicht schläft, oder höchstens zwei Stunden in einem Flugzeug. Wer schon beim deutschen Dauer-Außenminister Hans-Dietrich Genscher den Eindruck hatte, der Mann habe sich wohl klonen lassen, um überall gleichzeitig sein zu können: Bei Klaus Töpfer stellt sich dieser Eindruck erst recht ein. Unep ist eine Ein-Mann-Show. Wer keine Machtbasis hat, muss das durch Allgegenwärtigkeit wettmachen, glaubt Töpfer. Er ist immer in Bewegung, selbst wenn er eine Rede hält, wippt er dabei ungeduldig auf und ab, oder wenn er das Gefühl hat, dass es um ihn herum nicht voran geht. Sein Körper spannt sich, er würde am liebsten aufspringen und die Dinge selbst in die Hand nehmen.

Kein Wunder. Töpfer ist es gewohnt, sich um alles selbst kümmern zu müssen. Will er mehr Geld für Projekte, muss er um die Mittel bei widerstrebenden Regierungen und Firmen werben. Zum Beispiel für die Erste-Umwelt-Hilfe auf dem Balkan. Das Unep hat zunächst einmal untersucht, welche Umweltgefahren den Menschen nach knapp zehn Jahren Krieg drohen. Um die gefährlichen Waffen oder die Altlasten zerstörter Firmen beiseite zu schaffen, reicht sein Etat aber nicht aus.

Überall in der Welt wirbt er für eine verantwortungsvolle Umweltpolitik. Für ihn ist das „vorsorgende Friedenspolitik“. Dann wirft Töpfer seine Überzeugungsmaschine an und redet, redet, redet. Er nimmt Witterung für die Stimmung im Saal auf. Er flirtet mit dem Publikum, auch wenn das nur aus einer Person besteht. Er strahlt, schmeichelt, zieht die Augenbrauen hoch, sucht ständig Blickkontakt, und hört erst auf, wenn er spürt: Die Botschaft ist angekommen. So wird er es auch beim Weltgipfel für nachhaltige Entwicklung machen, der an diesem Montag in Johannesburg beginnt und nach Lösungen für die Probleme der Welt sucht. Dieser Gipfel ist sein Gipfel. Und Töpfer kämpft um jeden Millimeter Fortschritt.

Warum es in Johannesburg in erster Linie um Friedenssicherung geht, kann der CDU-Politiker an jedem der fünf zentralen Gipfelthemen durchdeklinieren. „Eine Welt, die große Unterschiede zwischen Arm und Reich aufweist, wird auf Dauer nicht sicher sein“, sagt er. Töpfer sagt, die nächsten Kriege würden um Wasser geführt, wenn es der Weltgemeinschaft nicht gelingt, das Problem zu entschärfen. Zum Beispiel an den Flüssen Euphrat und Tigris. Sie entspringen in der Türkei und werden dort bereits mehrfach aufgestaut. Die Anlieger im Irak fürchten, dass für sie deshalb bald nicht mehr genug Wasser übrigbleibt. Dieses Problem gibt es an allen großen Flüssen, die nicht nur durch ein Land fließen. Seine Augen blitzen, und er redet sich in Rage, erzählt von Tausenden von Menschen, die täglich sterben, weil sie kein sauberes Trinkwasser haben, berichtet von maroden Wasserleitungen, die die Hälfte ihrer kostbaren Fracht schon auf dem Weg in die Städte verlieren. Wenn nur diese Verluste um die Hälfte reduziert werden könnten, wäre vielen Menschen geholfen. „Die reichen Länder hatten nie bessere technische Möglichkeiten, solche Probleme zu lösen“, sagt er. Der vom Menschen gemachte Klimawandel durch die Verbrennung von Erdöl, Kohle und Gas sei nicht das einzige Umweltproblem, das vor allem die Industriestaaten erzeugen. Aber es seien vor allem die Länder des Südens, die die Folgekosten zu zahlen hätten. Es empört ihn, dass sich die Industriestaaten nicht für die Dürre in Afrika verantwortlich fühlen. „Eine ökologische Aggression des Nordens gegen den Süden“, schimpft Töpfer. Damit meint er vor allem die USA, die sich weigern, internationale Verpflichtungen einzugehen. Allerdings wird er mit seiner Kritik nicht allzu laut. Schließlich will er verhindern, dass die USA den Geldhahn ganz zudrehen.

„Von Johannesburg muss das große Signal zu ehrlicher Solidarität ausgehen“, sagt er. „Wir müssen vorhandene Verträge wirklich einmal umsetzen.“ So redet einer, der noch lange nicht aufgegeben hat. Töpfer hat sich für Johannesburg noch etwas anderes vorgenommen. Aus dem kleinen UN-Umweltprogramm soll ein echtes Gegengewicht zur mächtigen Welthandelsorganisation werden. „Der Welthandel muss solche Rahmenbedingungen bekommen, dass er den Umwelterfordernissen nicht zuwiderläuft.“ Töpfer hat sich schon immer mit der allmächtigen Wirtschaft angelegt. Zum Beispiel als Umweltminister. Nach dem Skandal um die Firma „Transnuklear“ in den 80er Jahren, legte er ein Konzept zur „Entflechtung der Kernenergiewirtschaft“ vor. Das hatten die Atomkraftwerks-Betreiber ausgerechnet von einem CDU-Minister nicht erwartet. Und nach einer Pannenserie in Biblis setzte Töpfer ein Bundesamt für Strahlenschutz zur Aufsicht durch. Wenn schon hier die Industrie kontrolliert werden muss, hat die Welt eine Kontrollinstanz viel nötiger, glaubt Töpfer.

In Johannesburg hofft er auf einen Etappensieg auf dem Weg zur ökologischen Gegenmacht. Aber Töpfer ist auch Realist. Er setzt die Erwartungen nicht zu hoch. Also sagt er vorsichtig: „Es ist möglicherweise schwierig zu sagen, was ein Erfolg ist und was nicht.“ Schließlich debattieren beim Gipfel 60000 Teilnehmer über fast alle Probleme der Welt. Und ein Erfolg ist da vermutlich ähnlich wahrscheinlich wie beim Glücksspiel.

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