Zeitung Heute : Ein Arte-Themenabend sucht die Vielfalt des Erich Kästner

M.B.

Dass ihn jedes Kind kennt - von welchem Schriftsteller ließe sich dies eher behaupten als von Erich Kästner? Vom Literaturbetrieb aber wurde der Autor von "Emil und die Detektive", "Pünktchen und Anton" und "Das doppelte Lottchen" nie ganz ernst genommen. Der Ruhm des Kinderbuchautors überstrahlte den des zeitkritischen Lyrikers, Romanciers, Satirikers und Feuilletonisten.

Kästner war neben Brecht, wie der Verfasser der jüngsten Kästner-Biografie, Sven Hanuschek, in Siegfried Schneiders Dokumentation "Die Geschichte eines lächelnden Moralisten" (Arte, 22 Uhr 20) in Erinnerung ruft, der vielfältigste Autor seiner Zeit. Sein Bekenntnis zur Einfachheit und Klarheit in Sprache und Stil, sein Witz und seine Volksnähe ließen ihn Wissenschaft und Kritik suspekt erscheinen - und umgekehrt: "Mit der Sprache seiltanzen, das gehört ins Varieté" verteidigte Kästner, der die abfällig gemeinte Bezeichnung "Gebrauchspoet" als Ehrentitel begriff, seine leicht verständliche Diktion. Natürlich rückt auch der Arte-Themenabend ab 20 Uhr 45 zu Ehren des 1974 verstorbenen Dichters, der in diesem Jahr den 100. Geburtstag gefeiert hätte, den Jugendbuchautor und seinen Klassiker "Emil und die Detektive" in der Verfilmung von Billy Wilder (Drehbuch) und Robert A. Stemmle (Regie) ins Zentrum. Die anschließende Biografie von BR-Autor Schneider zeichnet, Brüche und Widersprüche meidend, brav chronologisch die Biografie des lebenslustigen Dresdeners nach: Von der ersten Redakteursstelle in Leipzig, die er wegen der Veröffentlichung zu frivoler Liebeslyrik schnell wieder verlor über die Berliner Zeit im Kreise Tucholskys und dem Überleben unter den Nazis bis zu den letzten resignativen Jahren in München.

Der Film wirkt mehr durch Kästner selbst, der, elegant und weltmännisch in alten TV-Interviews zu sehen ist. Dort schildert er nahezu verschmitzt, wie er, der nicht emigrierte, um "Augenzeuge" der Barbarei zu bleiben, unerkannt SS-Trupps zur Verbrennung seiner eigenen Bücher begleitete.

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