Zeitung Heute : Ein Auge auf Iran

Die USA planen keine Invasion des Landes – aber sie prüfen Optionen für „Entwaffnungsschläge“

Peter Siebenmorgen

Die USA überprüfen zurzeit Wege, Iran zu entwaffnen. Ist ein Krieg unausweichlich?


Als die Bush-Administration Anfang 2001neu ins Amt kam, erkundigte sich Verteidigungsminister Donald Rumsfeld nach den Eventualfall-Plänen seines Ministeriums für einen Waffengang im Irak. Doch die Dossiers waren hoffnungslos veraltet, so wie es unmittelbar nach den Terroranschlägen des 11. September 2001 keine ausgearbeiteten Optionen gab, wie gegebenenfalls in Afghanistan operiert werden könnte. Die entsprechenden Militäraktionen gründeten schließlich auf einer Mischung aus eilig zusammengetragener Grobplanung und Improvisationsmanövern.

Eben dies will man im Fall Iran unbedingt vermeiden, wenn die Administration am Ende zu dem Schluss gelangen sollte, dass der Mullah-Staat nur noch mit militärischen Mitteln davon abgehalten werden kann, Massenvernichtungswaffen herzustellen.

Viele Anzeichen deuten jetzt darauf hin, dass die Latenzphase, militärische Schläge zur Entwaffnung Irans theoretisch in Erwägung zu ziehen, vorbei ist. Denn seit einigen Monaten entfalten die USA vielfältige Aktivitäten, die nach Einschätzung europäischer Sicherheitskreise darauf hinauslaufen, sich ganz konkrete Militäroptionen gegen Iran zu erarbeiten. Hochrangige Vertreter des Pentagons und der Central Intelligence Agency (CIA) besuchten jedenfalls in den vergangenen Monaten Nachbarstaaten Irans, deren Kooperation im Ernstfall erforderlich oder doch wenigstens nützlich wäre. Jordanien, Saudi-Arabien, Pakistan und vor allem die Türkei sind vorrangige Ziele der amerikanischen Emissäre.

Offiziell werden solche Missionen nicht kommentiert, hinter vorgehaltener Hand werden sie indes bestätigt. Entschieden bestritten wird allerdings, dass es jetzt schon darum ginge, die Partner auf einen Militäreinsatz gegen Iran einzuschwören. Vielmehr liege der Sinn der vermehrten Reisetätigkeit zum einen darin, den Verbündeten aussagekräftiges Material über den gegenwärtigen Stand und die fortlaufenden Aktivitäten Irans beim Streben nach Atomwaffen an die Hand zu geben. Zum anderen wollten die Vereinigten Staaten wissen, auf wessen Hilfe und in welchem Umfang sie im Ernstfall zählen können. Mit konkreten Angriffsplanungen, gar mit einem unmittelbar bevorstehenden Kriegsbeginn habe dies nichts zu tun. Vielmehr handele es sich um die Ausarbeitung von konkreten Optionen und Operationsplänen, vergleichbar mit dem „contingency planning“ in Zeiten des Kalten Kriegs für den Fall eines bewaffneten Konflikts mit der Sowjetunion.

Nach Informationen des Tagesspiegels ist in dem Katalog der auf ihre Realisierbarkeit hin zu überprüfenden Optionen eine Invasion und Landnahme wie im Fall des Iraks nicht enthalten. So wünschenswert dies auch aus der Sicht Washingtons wäre, ist auch ein „regime change“ kein Ziel, dessen Verwirklichung militärisch angestrebt werden könnte. Solche Pläne gelten als völlig unrealistisch: Zu viel Iraner, zu viele Berge, zu viele potenzielle Guerillakrieger, zu viele Verstrickungsmöglichkeiten auch außerhalb Irans in diesem Fall, so hat es Kenneth M. Pollack, ein führender amerikanischer Iranexperte, der während der Clinton-Zeit im nationalen Sicherheitsrat für die Golfregion zuständig war, auf den Konsensbegriff des strategischen Establishments in Washington gebracht.

Dem Vernehmen nach prüfen die Amerikaner gegenwärtig hauptsächlich Entwaffnungsoperationen durch, wie also vornehmlich durch Raketen- und Luftangriffe das iranische Massenvernichtungspotenzial im Notfall zerstört werden könnte. Hierfür müssen die konkreten Ziele definiert werden und diesen militärisch effektive Mittel zugeordnet werden. Und diese Assoziation bedarf eben der Abstimmung mit amerikanischen Verbündeten, die als Operationsbasis gegen Iran benötigt würden. Das Modell für eine derart eng begrenzte Militäraktion wäre der israelische Angriff auf den irakischen Kernreaktor in Osirak im Jahre 1981.

So skeptisch die Vereinigten Staaten auch sind, was die Aussichten auf eine friedliche Beilegung des Streits um die Aufrüstung des militärisch ansonsten eher schwächlichen Irans mit Massenvernichtungsmitteln betrifft, so schwierig fällt die Abwägung zwischen Vor- und Nachteilen einer Militäroperation. Im Notfall gilt sie wohl als unausweichlich, schon weil Israel eine Atombewaffnung der Mullahs nicht hinnehmen würde. Im Zweifel sei es dann besser, wenn die USA und nicht Israel die Drecksarbeit übernähmen, heißt es. Doch selbst eine eng abgesteckte Luftoperation hätte gewaltige Tücken und Unwägbarkeiten. Zunächst wären da die politischen: Das Verhältnis zur islamischen Welt würde noch prekärer, latente Krisen in noch befreundeten Staaten wie Saudi-Arabien könnten in ein offenes Desaster ausbrechen. Auch über die Schubwirkung eines Militäreinsatzes in Iran für den islamisch-fundamentalistischen Terrorismus macht man sich in Washington nichts vor.

Doch auch die militärische Seite selbst ist alles andere als unheikel. Denn die in Betracht kommenden Ziele – Kernforschungsreaktoren und -zentren, Produktionsstätten für Raketen und dergleichen mehr – liegen nicht offen in der Brache. Vielmehr handelt es sich teilweise um besonders gut geschützte, oftmals verbunkerte Einrichtungen, denen mit konventionellen Waffen wenig anzuhaben ist. Die Verbreitung von Kernwaffen mit nuklearen Mitteln zu unterbinden, das allerdings kann im Ernst auch aus der Sicht Washingtons keine wünschenswerte Option sein. Es wäre sehr verfrüht, heute bereits von der Unausweichlichkeit eines Angriffs auf die iranischen Produktions- und Forschungsstätten für Massenvernichtungswaffen zu sprechen. So wie es falsch ist, aus den gegenwärtig regen militär-politischen Aktivitäten der USA auf internationalem Parkett darauf zu schließen, dass konkrete Angriffshandlungen vorbereitet würden. Einstweilen geht es vor allem darum, eine starke militärische Komponente in die gemeinsame Strategie des Westens gegenüber Iran aufzubauen. Nur, dass es eine wirkliche Strategie bislang nicht gibt.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar