Zeitung Heute : Ein Ausriss deutscher Geschichte

Matthias Schlegel

In Berlin hat die elektronische Rekonstruktion von zerstörten Stasi-Unterlagen begonnen. Welche neuen Details könnten dabei ans Licht kommen?


Die Beobachtungs- und Sammelwut des DDR-Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) ist legendär. Knapp 180 Aktenkilometer lagern heute noch in den Archiven der Bundesbehörde für die Aufarbeitung der Stasi-Unterlagen. Und das, obwohl die Kreis- und Bezirksstellen des MfS Ende 1989 den Befehl zur Vernichtung besonders sensibler Akten erhalten hatten. So wurden innerhalb weniger Wochen riesige Aktenmengen zerschreddert. Die übrig gebliebenen 16 250 Säcke mit Aktenschnipseln gelten heute als ein besonders geheimnisumwittertes Erbe. Bereits Ende 2003 stellte das Fraunhofer-Institut für Produktionsanlagen und Konstruktionstechnik (IPK) ein computergestütztes Verfahren vor, mit dem die etwa 45 Millionen Aktenseiten innerhalb von fünf Jahren hätten rekonstruiert werden können.

Doch es dauerte dreieinhalb Jahre, bis vom Staat wenigstens 6,3 Millionen Euro für ein Pilotprojekt locker gemacht wurden. Mit dem am Mittwoch offiziell gestarteten Verfahren sollen innerhalb von zwei Jahren die Aktenschnipsel aus zunächst 400 Säcken computergestützt zusammengesetzt werden. Dabei werden die Papierstücke erst einmal nach deutlichen äußeren Merkmalen wie Papiersorte, Farbe und Schriftart vorsortiert und danach eingescannt. Die Computer übernehmen dann mit ihren Algorithmen und der Fähigkeit, die Rissstrukturen zu erkennen und zu verknüpfen, die eigentliche Puzzlearbeit. Bertram Nickolay, Leiter der mit dem Projekt befassten Arbeitsgruppe im IPK, hofft, dass der Pilotphase die eigentliche Betriebsphase folgt: Dann will er innerhalb von vier bis fünf Jahren den gesamten zerschredderten Aktenbestand aufbereiten. Was Automatisierung bedeutet, macht ein Vergleich deutlich: Seit Anfang der 90er Jahre versucht eine Gruppe von Beamten in Zirndorf bei Nürnberg, Stasi-Aktenschnipsel manuell zusammenzusetzen. In anderthalb Jahrzehnten haben sie den Inhalt von 323 Säcken rekonstruiert. Berechnungen haben ergeben, dass 30 Personen zwischen 600 und 800 Jahre benötigen würden, um alle 16 000 Säcke aufzuarbeiten.

Doch vergebens ist die Handarbeit nicht gewesen. Günter Bormann von der Birthler-Behörde sagt, dass die querschnittartige Auswahl bei der Rekonstruktion deutlich gemacht habe, wie bedeutsam die zerrissenen Akten sind. Weil sie eben das enthielten, was in den einzelnen Dienststellen „auf dem Tisch lag“, geben sie Auskunft über aktuelle Entwicklungen in der Anfangsphase der Wende. Außerdem gehörten dazu die Akten, die auf höchste Weisung vernichtet werden sollten, also besonders brisante Informationen enthielten, wie etwa IM-Akten. So habe man in den zerrissenen Unterlagen die gesamte Arbeitsakte des ehemaligen Professors von der Humboldt-Universität Heinrich Fink und viele Belege für die enge Zusammenarbeit von Stasi und DKP gefunden. Grundsätzliche Neuigkeiten über die für Westarbeit zuständige Stasi-Hauptverwaltung Aufklärung wird man jedoch auch in den Schnipseln nicht zutage fördern: Sie durfte sich mit dem Segen der Modrow-Regierung 1989/90 selbst abwickeln und ihre Akten systematisch vernichten.

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