Ein Auszug : Das Traumhaus

Rivka Galchens Liebeserklärung an ein nicht mehr ganz frisches Townhouse - mit ungeahnten Folgen.

Rivka Galchen
Traumhaus? Man muss es mögen. Foto: mauritius images
Traumhaus? Man muss es mögen. Foto: mauritius imagesFoto: mauritius images

Das zugegebenermaßen ziemlich heruntergekommene Townhouse ließe sich besser verkaufen, wenn es im Prinzip leer gezeigt und übergeben werden könnte. Das war der Gedanke. Die gute Bausubstanz des Gebäudes wäre dann offensichtlich, und ein potenzieller Käufer könnte sich sein zukünftiges Zuhause besser „erträumen“.

Jedenfalls gehörte das Gebäude einer entfernten Tante, einer wohlhabenden Karriere-Frau, die auf einem anderen Kontinent lebte. Und da ich nun mal auf diesem Kontinent lebte und mich in einer finanziellen Situation befand, die mich keine großen Gedanken an das Steuersystem verschwenden ließ, lehnte ich das Angebot meiner Tante nicht ab, in dem ansonsten leerstehenden Gebäude zu wohnen, wenn nötig Interessenten herumzuführen und einfach da zu sein, und dafür zu sorgen, dass alles in Ordnung ist. Also zog ich ein. Der Umzug in einen anderen Stadtteil war irgendwie Grund genug, keine Freunde mehr zu treffen. Ich habe weder Kabelfernsehen noch einen Internetanschluss beantragt. Und Radio, naja, das war noch nie mein Ding.

Mein neues Leben fühlte sich zuerst ein bisschen nach Luxus an, aber dann bin ich irgendwie nachlässig geworden. Ich erinnere mich an einen Vormittag, an dem ich ein Outfit aus einer bestimmten Jeans und einem aufdringlich gelben Pullover bedauerte; dann ging ich vor die Tür, um die Post zu holen, und da fiel mir auf, dass ich nur Unterhemd und Schlafanzughose anhatte, dass ich das bedauerliche Outfit gar nicht angezogen hatte. An einem anderen Nachmittag habe ich mit Spannung den Ausgang der bevorstehenden Wahl erwartet; dann bin ich an einem Poster vorbeigekommen und habe bemerkt, nein, es ist März, nicht Oktober, die Wahl wurde schon vor Monaten entschieden. Ich erinnere mich an einen Montag: ich war der Meinung, dass ich den Kühlschrank voller Armenischer Käsewürfel geladen hatte, viel zu viel davon, soviel, dass ich sie eine ganze Woche lang jeden Tag zum Mittag- und zum Abendessen essen müsste, wenn ich nicht wollte, dass sie schlecht werden. Dann bin ich zum Kühlschrank gegangen, und da waren überhaupt keine Käsewürfel, nur eine Tüte Äpfel, die ich eigentlich dachte, nur kaufen zu wollen aber dann doch nicht gekauft hätte.

Das war der Tag, an dem ich meinen Nachbarn, Eddy, traf. Als er mich im Hauseingang sah, ist er erschrocken, wie ein Vogel. Er hatte lange, ungewaschene Haare und las „Sein und Zeit“, was ihn mir nicht sofort unsympathisch machte, vielleicht weil ich seine Haare mochte oder weil er das Buch hielt wie ein Autoreparaturhandbuch. Vielleicht hatte ich mich auch zuerst erschrocken, vor ihm.

Ich stellte mich ihm als Nichte der Hausherrin vor. Das fühlte sich irgendwie altmodisch an.

„Ja, die ist so nett“, sagte er. „Sie lässt mich noch ein bisschen in meiner Wohnung bleiben.“

A perfect place for dreaming

Ich dachte mir, er lügt bestimmt, aber ich trete ja auch keine Hundebabys. Er ging die Treppe rauf. Ich ging aus der Haustür. Das ist doch gut, dachte ich mir. Denn wenn ich ehrlich bin, war mir ein bisschen mulmig gewesen, so ganz allein in dem großen Haus.

Wenn ich nach diesem Treffen im Hauseingang die ganzen Geräusche hörte, die alte Häuser unweigerlich von sich geben, dachte ich mir einfach, oh, das ist bestimmt Eddy, der die Tür aufmacht, das Licht anschaltet, Wasser über Ramen-Nudeln gießt... Eddy blätterte durch eine alte Briefmarkensammlung, öffnete Cola-Dosen, streichelte eine eigensinnige, kleine schwarze Katze, die ich mir zusammengereimt hatte. Er knickte Seiten in Sein und Zeit um, dem einzigen Buch, das er in meiner Vorstellung hatte. Naja, es war nicht gerade Liebe, aber es war besser als all die anderen Gefühle, die bei der Suche nach einer Erklärung für die ganzen Geräusche in mir aufgestiegen waren. Auf diese Gefühle will ich lieber nicht näher eingehen.

Nach einer Woche oder so erlebte ich eine Wiederholung der Käsewürfel-Episode, nur dass dieses Mal nur ein Apfel im Kühlschrank lag, und der sah nicht mehr so gut aus. Ich zog den aufdringlich gelben Pullover an, den ich de facto noch gar nicht bedauert hatte und ging aus dem Haus. Die Wiederholung des Käsewürfel-Irrtums hatte mich dann doch erschreckt, also bin ich nicht nur zum Supermarkt an der Ecke gegangen. Ein paar Straßen weiter fand ich einen kleinen, gemütlichen Gyros-Laden. Ich ging rein und brachte die Glöckchen, die an der Klinke hingen, zum läuten. Es klang, als würde irgendwo der Hebel einer altmodischen Registrierkasse gezogen.

An der Rückwand des Ladens drückte ein Mann gerade einen Pappbecher gegen den Hebel einer Cola-Zapfanlage, und ich liebe selbstgezapfte Cola, und vielleicht bin ich deshalb unwillkürlich schnurstracks rüber gegangen, direkt neben den Mann, um mir eine Cola zu zapfen – bezahlen konnte ich später, so wirkte der Laden jedenfalls – und dann – die Art, wie er den Kopf hielt, kam mir irgendwie vertraut vor – murmelte der Mann „verdammt“, als Schaum über den Rand seines Bechers lief. Erinnerungen brachen über mich herein: endlose Partien Gin Rummy, mein Vater schweißdurchnässt nach dem Joggen in einem seiner Arbeitshemden, eine Rennstrecke aus im Ackerboden versenkten alten Reifen, Haufen von Pistazienschalen. Manchmal rief ich mir diese kleinen Vater-Erinnerungen bewusst ins Gedächtnis, unwillkürlich kamen sie nur selten. Diese Kopfhaltung, dieses verdammt: sie waren vertraut. Aber es konnte nicht mein Vater sein; er war seit über zehn Jahren tot, dreizehn, um genau zu sein. Aber selbst wenn er erst seit einem Tag tot gewesen wäre, wäre das noch tot genug gewesen, als dass er hier neben mir die Zapfanlage verfluchen könnte.

Ich ging von der Zapfanlage weg. Ich blieb ganz ruhig, wirklich. Ich bezahlte mein Getränk, bestellte ein Gyros, bezahlt auch das, wartete und sah mich dann mit meinem Tablett in der Hand nach einem freien Platz um.

Er sah wirklich aus wie mein Vater. Jedenfalls so, wie mein Vater vor dreizehn Jahren ausgesehen hatte. Die Frisur des Mannes saß sogar echt gut, und mein Vater sah immer ein bisschen jünger aus, wenn seine Haare anfingen, fettig zu werden – etwas dunkler – und genau so sah der Mann aus, mit seinem fast leeren Pappbecher gezapfter Cola. Er saß an einem Tisch in der Ecke. Er lächelte mich an. Vielleicht hatte ich ihn angestarrt.

Er sagte nicht meinen Namen, oder nannte mich Liebling, oder Kleine, oder fragte mich, wie es mir geht, oder sagte lange nicht gesehen, was? Er sagte einfach nur: „Du solltest hier sitzen.“ Ich weiß nicht, vielleicht sah ich süß aus in dem aufdringlich gelben Pullover.

Also setzte ich mich. In einem glitzernden Klecks Joghurtsoße auf dem Tisch spiegelten sich die Spitzen der gesunkenen Stadt Atlantis; vereinzelte Salzkristalle fingen das Neonlicht des Ladens ein und reflektierten es auf eine Art, die zugleich an ein Festgelage und irgendwie auch an ein sich drehendes Kinder-Mobile erinnerte. So fühlte ich mich jedenfalls. Mein Vater grabschte nach ein paar Servietten und wischte sich die Stirn; Zwiebeln brachten ihn immer zum Schwitzen.

Sag doch was!, ermahnte ich mich.

Ich fragte ihn, ob er in der Nähe wohnte.

„Grob“, sagte er. Dann: „Eigentlich nicht“. Dann: „Nicht ursprünglich“. Dann ging er. Die Glocken am Türknauf läuteten, als er rausging.

War ich durch ein Wurmloch in der Zeit geschlüpft? Auf einem Plakat an der Wand biss eine Blondine mit einer 80er-Jahre-Frisur gerade in ein Gyros, und die Bildunterschrift gab Aussprachehilfen. Aber das vergilbte Plakat war wohl kaum ein Beweis; alle Gyros-Läden, die ich je gesehen habe, haben immer altmodisch gewirkt.

An dem Abend ging Eddy in seiner Wohnung auf und ab. Ein Knarren, das höher und dann wieder tiefer wurde, wie der Atem eines riesigen Mannes. Er überlegte gerade, entschied ich, was er mir raten solle.

Am nächsten Tag begegnete ich, ohne es darauf angelegt zu haben, meinem Vater wieder, wieder in dem Gyros-Laden. Als ich eintrat, läutete die Glöckchenkette so wunderschön. Viel schöner als am Tag davor. Es erinnerte mich an das Unterwasser-Getriller von Sirenen. „Schön, dich zu sehen“, rief mein Vater von der anderen Seite des schmalen Restaurants. Ich bestellte ein Bier zu meinem Mittagessen, was ich sonst nie tue. Aber auch eine Cola.

Seine Frisur saß nicht ganz so gut wie am Tag davor. Aber als ich ihn um die Flasche Joghurtsoße bat und er sie mir reichte, dachte ich unwillkürlich an die unermesslichen Entfernungen zwischen Atomkernen und Elektronen, die gewaltige Leere der Materie, die schwindelerregende Umwandlung von Energie und welch eine erstaunliche Leistung es war, dass mein Vater mir die Joghurtflasche gab. Waren Geister nicht eigentlich körperlos? Aber außer Geistern gab es ja auch noch die Untoten, und die hatten wahrscheinlich andere motorische Fähigkeiten. Das weiß wohl keiner, nehme ich an.

Am dritten Tag traf ich meinen Vater wieder, am selben Tisch. Irgendwie kam das Gespräch auf Gin Rummy, und ich muss ihn auf eine Partie zu mir nach Hause eingeladen haben. Wir spielten endlose Stunden Karten, bis tief in die Nacht. Und das Seltsame war, dass es so normal war. Und was auch seltsam war, war, dass das ganze Haus an dem Abend voller Leben schien: Gelächter im Treppenhaus, trappelnde Schritte, Musik. Eddy feierte eine Party? Es war irgendwie beängstigend, all dieses Leben. Mein untoter Vater machte mir keine Angst, aber das Leben im Allgemeinen – die Lebenden – finde ich ziemlich furchterregend.

Da fällt mir ein, dass eine alte Freundin, Becky, mir erzählt hat, dass sie einmal in einem Geisterhaus gewohnt hat. Jeder, der dort gewohnt hatte, sei von einem Spuk heimgesucht worden. Einmal gab es einen Selbstmord. Jedenfalls fürchtete sich Becky vor dem Geist. Und eines Nachts spukte es dann. Ein rappelnder Türknauf, ein leises Stöhnen... die ganze Palette. Aber das war es dann auch. Nur das eine Mal, in dieser einen Nacht. Und nie wieder. Und sie fragte sich – Geist, warum hast du mich verlassen?

Jedenfalls blieb am nächsten Morgen die einzige Uhr in meiner Wohnung stehen. Es war keine verschnörkelte Standuhr, oder eine antike Aufziehuhr, oder eine Taschenuhr an einer alten Messingkette. Nur dieses kleine LED-Ding, das ich schon seit Jahren hatte und das schon viele Stromstöße und viele Umzüge überlebt hatte.

Ich war ein bisschen traurig. Aber nicht zu wissen, wie viel Uhr es war, gab mir eine gute Ausrede, Eddy einen Besuch abzustatten. Ich könnte Eddy nach der Uhrzeit fragen. Sonst nichts. Ich hatte nicht vor, ihm von meinem Vater zu erzählen, ganz bestimmt nicht, denn Eddy und ich kannten uns ja nicht wirklich gut. Vielleicht kenne ich niemanden wirklich gut.

Ich hörte Schritte auf der anderen Seite von Eddys Wohnungstür im vierten Stock, also klopfte ich. Sofort verstummten die Schritte. Keine Antwort. „Eddy?“ Hatte er Angst, ich würde mich über den Partylärm beschweren? „Eddy? Ich komme bloß, weil meine Uhr stehen geblieben ist.“ Nichts. Vielleicht dachte er, ich würde versuchen, ihn zu küssen. Vielleicht wäre das für ihn ein Albtraum. Oder, ich weiß nicht, vielleicht auch ein Traum. Vielleicht etwas, was er sich sehnlichst wünschte, und sich deshalb nicht traute, zu ergreifen. Noch einmal klopfte ich. Noch mal nichts.

Tja, Menschen haben Stimmungslagen, das weiß ich definitiv aus eigener Erfahrung. Ich bemühe mich, das nicht zu beurteilen. Ich ging die Treppe wieder runter. Eine Weile lang war die Ruhe, nun ja, ohrenbetäubend, aber schließlich – wie man sich denken kann weiß ich nicht, nach wie langer Zeit – hörte ich von oben wieder Schritte. Auch andere seltsame Geräusche. Ein Piepsen. Auch mal ein Zwitschern. Etwas, das klang, als würde Zeitung gefaltet.

Später – die Sonne stand noch hoch am Himmel – machte ich mich wieder auf zum Gyros-Laden. Als ich eintrat, klimperten die Glocken etwas armselig. Die Zapfanlage war da, ebenso der Geruch frisch geschnittener Zwiebeln. Mein Vater aber war nicht da. Ich habe ihn immer noch nicht wiedergesehen. Eddy auch nicht. Es sind aber auch erst 22 Wochen oder so. Und neulich dachte ich morgens, ich hätte Käsewürfel im Kühlschrank, und da waren dann auch wirklich welche. Vielleicht sollte ich das nicht denken, aber ich hoffe, dass es noch lange, lange dauert, bis jemand dieses Haus kauft. Ich habe das Gefühl, dass Geister gerne zum selben Ort zurückkehren. Ich tue das jedenfalls gerne. Und die Substanz dieses Gebäudes hat in der Tat etwas Besonderes; es lässt sich hier wirklich besser träumen.

Rivka Galchen lebt als Schriftstellerin in New York. Real Estate erschien 2009 im Walrus Magazin.

Aus dem Englischen von Stephan Rothschuh.

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