Zeitung Heute : Ein Auto mit Gedächtnis

Als Automobil-Standort hat die Hauptstadt noch nicht viel von sich reden gemacht. Dabei kaufen auch die großen Konzerne gerne bei den hiesigen Unternehmen ein

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Von Anselm Waldermann Für seine Universitäten ist Berlin bundesweit bekannt. Auch die Medien- und Theaterlandschaft sind wichtige Wirtschaftsfaktoren, und natürlich prägt die Politik das Bild der Hauptstadt. Nur an eines denkt man bei Berlin sicher nicht: an Autos. Als Automobilstandort reicht die Stadt bei weitem nicht an Wolfsburg, Stuttgart oder Ingolstadt heran. Dabei gibt es auch hier Unternehmen, die sich auf dem Automotive-Markt behaupten. Mit erfolgreichen Innovationen zeigen sie, dass Berlin mehr kann als Wissenschaft und Kultur.

Eines dieser Unternehmen ist die Ingenieurgesellschaft Auto und Verkehr (IAV). 650 Mitarbeiter entwickeln hier neue Trends in der Fahrzeugelektronik, der Motortechnik und im Innenausbau. „Zur Zeit arbeiten wir vor allem an der Elektronik für Hybrid-Motoren“, erklärt Geschäftsführer Michael Schubert. Die Hybrid-Technik ist energiesparend, weil sie einen klassischen Verbrennungsmotor mit einem Elektromotor kombiniert. „In den USA ist das derzeit sehr angesagt“, erklärt Schubert. Bis Ende des Jahres will er rund 20 Mitarbeiter zusätzlich einstellen.

Die IAV war vor 20 Jahren als Institut in Zusammenarbeit mit der Technischen Universiät gegründet worden. „Aber wir haben von Anfang an Kontakt zu Unternehmen gehalten“, erklärt Schubert. „Heute bestehen wir zu 100 Prozent am Markt.“ Zu den Gesellschaftern der IAV gehören Volkswagen, Siemens und General Electric. Seine Aufträge erhält das Unternehmen von Automobilherstellern und -zulieferern aus dem In- und Ausland.

Dass die IAV kein Einzelfall ist, zeigt der Masterplan des Senats zu Verkehr und Mobilität: Demnach beschäftigt die Autobranche in der Hauptstatdtregion 19 000 Mitarbeiter (siehe Kasten). Damit stellt der Wirtschaftszweig in Berlin zwar nur einen Teil der Verkehrstechnik insgesamt dar – bedeutender ist der öffentliche Personenverkehr mit Unternehmen wie der Deutschen Bahn oder die Logistik mit Unternehmen wie PSI Transportation. Aber die Autobranche hat Potenzial: Bis auf 23 000 Beschäftigte könne sie in den nächsten sechs Jahren wachsen, heißt es im Bericht des Senats.

Ein Unternehmen, das Personal einstellt, ist Carmeq. Derzeit sind hier 117 Mitarbeiter beschäftigt, „aber das Potenzial sehen wir bei 200“, sagt Geschäftsführer Thomas Scharnhorst. Gegründet wurde Carmeq 2003 als hundertprozentige VW-Tochter. Die Aufgabe des Unternehmens: die Entwicklung von Software und elektronischen Fahrzeugkomponenten. „Die Fahrzeug-Elektronik entwickelt sich heute schneller, als ein Großkonzern reagieren kann“, erklärt Scharnhorst. „Außerdem brauchen wir gut ausgebildete Mitarbeiter. Für die ist ein innovatives Umfeld wie in Berlin sehr wichtig.“

Momentan arbeitet Carmeq an intelligenten Fahrerassistenzsystemen: Das Auto der Zukunft soll lernen können und dieses erworbene Wissen später in ähnlichen Situationen wieder anwenden – zum Beispiel beim Einparken oder bei Ausweichmanövern.

Natürlich braucht ein Auto dafür auch ein „Auge“, im Fachjargon heißt das optoelektronischer Chip. Dieser misst die Laufzeit des Lichts vom Auto bis zu einem Objekt und zurück. Führend in dieser Technik ist ein anderes Berliner Unternehmen: Silicon Sensor. „Seit fünf Jahren forschen wir daran, jetzt geht es in die Produktion“, sagt Vorstandschef Bernd Kriegel. Der erste Kunde ist Chrysler in den USA, „aber natürlich hoffen wir auch auf die Golf-Klasse“.

Weil die Nachfrage wächst, ist Kriegel bereits auf der Suche nach einem neuen Produktionsstandort. „In Berlin haben wir leider nichts gefunden“, sagt er. Vielleicht wird es nun Brandenburg.

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