Zeitung Heute : Ein Autor trifft seine Generation: Björn will Pfarrer werden

Wer will Benjamin Lebert interviewt werden? E-

Zweimal in seinem Leben hatte Björn Angst, seinen Eltern etwas mitzuteilen. Zuerst, als er sich entschloss, Theologie zu studieren. Das zweite Mal, als er ihnen eröffnete, dass er schwul ist. "Sie waren beide Male ganz o.k. Ich hatte mir zu viele Gedanken gemacht. Sie sind nicht gerade in die Luft gehüpft, aber sie haben es ohne Widerspruch zur Kenntnis genommen." Wir haben uns vor der jüdischen Synagoge in der Oranienburger Straße verabredet. Und gehen ins nächstgelegene Café. Was sich als hervorragender Treffpunkt herausstellt, weil es dort so voll ist und so laut, dass wir uns während des ganzen Gesprächs anschreien müssen. Björn bestellte einen Milchkaffee und ein Croissant, das er langsam zerpflückt. Er trägt unter seiner groben Fischerjacke einen blauen Wollpullover. Er hat kurze, braune Haare, leicht gegelt, und trägt eine schmalrandige Brille. Seine Augen sind braun und von einer so einnehmenden Freundlichkeit, dass man sich selber anfangs fast unfreundlich fühlt. Dass er Theologie studieren will, hat er zwei Jahre vor seinem Abitur schon gewusst. Er will Pfarrer werden, evangelischer, obgleich seine beiden Eltern katholisch sind. "Ich hatte einen Freund, dessen Mutter Pastorin war. Ich ging bei ihm zu Hause ein und aus, in einem evangelischen Pfarrhaus. Und ich habe es gar nicht so wirklich gemerkt, aber ich habe mich so wohl gefühlt. Habe gespürt, dass das eigentlich meine Sache ist. Bei mir daheim hat der Glaube überhaupt keine Rolle gespielt."

Björn ist in Bad Harzburg geboren. Zufällig. Weil seine Mutter einen Gynäkologen am dortigen Krankenhaus kannte. Aufgewachsen ist er mit seinem älteren Bruder in Goslar. Einer Kleinstadt mit 48000 Einwohnern. Beide Eltern sind Bauingenieure. Während seiner Schulzeit hatte er eine Freundin. "Dann habe ich herausgefunden, dass ich schwul bin." Stille. "So leicht ist das ja nicht. Besonders, wenn man Theologie studiert. Als evangelischer Pfarrer darfst du heiraten, aber schwul sein eigentlich immer noch nicht." Die ersten drei Semester studierte er in Bielefeld. Er wohnte im Studentenwohnheim, war AStA-Vorsitzender. In diesem Studienfach ist es üblich, dass man oft die Unis wechselt. Jetzt ist er in Berlin, an der Humboldt-Universität, wohnt in Reinickendorf. Er möchte aber bald umziehen. Nach Prenzlauer Berg oder Friedrichshain. Obwohl er auf einem Altsprachlichen Gymnasium war, hat er sein Abitur nicht in Latein gemacht, sondern in Französisch - was sich als Nachteil erwies. "Ich musste Latein direkt nach dem Abitur nachlernen. Und außerdem auch noch Hebräisch und Griechisch." Er fragt, ob es mich stört, wenn er raucht. Höflich rutscht er jedes Mal zur Seite, wenn sich eine Kellnerin an ihm vorbeiquetscht. Eine Frage an den zukünftigen Pfarrer: was denkt er über die jungen Leute in seinem Alter? Er sagt: "So Schlagworte wie faul, verwöhnt, kein Interesse, kein Bock, kenne ich auch. Aber immer, wenn ich einen einzelnen Menschen kennen lerne, denke ich, dass er sehr nett ist." Was ist für ihn sicher, wenn alle Sterne von Himmel fallen? Er schließt einen Moment die Augen. "Mein Glaube. Wenn die Sterne vom Himmel fallen, ist Gott bei mir."

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